Full text: Nach der Schicht (48)

Nummer 
SE 
Nach der Schicht‘ 
DAS vergessene GRAB 
Alle Gräber des kleinen Dourffried- 
tojes waren zum Fest der Toten von 
teberoflen Händen geschmückt wor- 
len, Im letiten Abendschein der 
sraftlosen. Novembersonne leuchte- 
en sie weıt hinaus ins Tal, Alle bıs 
ıuf eins. Eine Granute hatte den 
rabstein zerschlagen, die Trümmer 
agen nuch immer auf dem eingesun- 
c<enen Hugel, genau zo, wie vor Jah- 
‚en die Wucht des CGeschosses sie 
tiingeschmelttert hotte, Eine eilige 
Hand hatte wohl hastıg das gröbste 
Jnkraut heruntergerissen, aber kein 
jrüner Kranz, keine freundliche 
3lüte gab Kunde ton einer Liebe 
iber das Grab hinaus. 
Zivei Frauen schritten durch die 
Graberreihen, sie lasen dıe Auf- 
schriften, segneten hier und da einen 
Tugel oder blieben betend eme 
Neirle davor stehen. Fragend deutete 
le Hand der jürgeren Frau auf das 
oerwäahrloste Grab. Wer ist denn so 
vergessen, daß auch heute ihm nie- 
nand eine Blume schenkte?” Hat er 
eine Angehorigen mehr, und war- 
un nımmt sich kein Mensch seiner 
kuhestatte an? 
„Da liegt der Calbus Hannes, Gott 
ruste ihn trotz allem in der Ewig- 
ceit“", gab die Begleiterin Auskunft. 
‚Er war ein harter Mann, und er hat 
mel gesündigt, am meisten gegen 
lein eigenes Fleisch und Blut, Aber 
lie Gememde hatte trotzdem sein 
ürab ein wenig richten konnen aus 
*hrıistlicher Barmherzigkeit. Wenn er 
»s auch, menschlich geschen, nicht 
‘erdient hat.“ 
Die beiden Frauen hatten den 
Friedhof verlassen und gingen lang- 
am und gedankenrerloren durch 
den stillen Novemberabend hınüuüber 
ins Filialdorf. Das bunte Laub der 
3Zaume, dıe den Weg saumten, ra- 
schelte unter ihren Füßen. „Was war 
denn das für ein Mann, der Calbus 
Aannes“, fragte Frau Magdalena in 
he Stille hinein. 
„Was war er für ein Mann", ant- 
vortete sinnend die Muhmnme Margret 
„Ja, von den Toten soll man nur Gu- 
lex reden, besonders heute am Aller- 
eelentag. Aber von dem Hannes 
Lei ch, Gott sei es geklagt, wenig 
Than Ex sel denn, daß er all sem 
„ebtag geschafft und um Erdboden 
Pracht hat orte cin Manhuurf 
Xaır dan er sonntags Zeit hatte tür 
ep Kiırchanug Seine Frau war ewig 
Jeher:t und qeiugt, er gonnte ihr 
Lohr das Schwarze unterm Nagel. 
Da hat sie bereiten das Beste getan, 
Was ae tun konnte, sıe hat sich hin- 
Plegt und ist gestorben, Ihre Leute 
"ahen sie heimgehnit und dort be- 
Trahen, der Hanyes hatte km Krenz 
And Keine Blume tur sie übrig ge- 
lahr Der Geis hatte ihn in seinen 
Krallen, nut Muhe bekam er Tage- 
Ohner, die chra bei der Bewirtschaf- 
ung seiner Felder halten Er besaß 
he schonsten Aecker und die besten 
Wie en des Barnes, und er schatfte 
ch krumoan und buchelhg, um mog- 
cher viel aus ıhnen heranuszuhnlen 
Yir, und oc ecder Le er ein arm e8 
Madıchen aus dem Dorf kommen, das 
de Stuben und Kammern auf- 
"Aue und seine Wusche arusch 
Dieses Madchen hat der schmutzige 
zeichals ıns Ungluck gebracht und 
lann rom Hof gejagt. Das Kind 
Pug ihn nichts an, sagte er, und sie 
olle nut dem Zigeunerwagen, der 
in die Zeit am Waldrand gestanden 
1alte, in die Welt fahren, Obiroahit 
ler Junge ihm gbch wie aus dem Ge- 
acht geschnitten, Der Calbus hatte 
‘eine Verwandten und keinen Um- 
ang, außer einem entfernten Vet- 
er, der genau so reich war wie er. 
der hatte nur einen Sohn, und die- 
er Junge sollte nicht nur den elter- 
chen Hof ungeteilt erben, sondern 
'uch das Calbus-Anwesen, Der Han- 
tes war alt geworden, von der Gicht 
jekrümmt, aber noch, als er die Nase 
chon beinahe über den Erdboden 
chleifte, scharrte und wühlte er mit 
;euchendem Atem ibm Grund, Eines 
Tages warf es ıhn doch mit Gewalt 
tuf sein Lager, und weil er merkte. 
laß der Knochenmann ın der Ecke 
angsam seine Sense zur Mahd er- 
‚ob, da ließ er den Notar kommen 
Ms die Kutsche des Notars auf dem 
Tof hielt, flüsterten die Leute: „Wo 
P"auben sind, da fliegen Tauben hin 
'et:t kriegt der reiche Wermann 
ılles vermacht, Ob der Alte nıcht 
loch noch in seiner letzten Stunde 
In die Len und ihren Nikla denkt?“ 
Aber er dachte nicht an sie. Alles 
‚and, Haus und Hof, mit samtlichen 
ebenden: und toten Inventar gin- 
Jen ın den Besitz des Sakab Wer- 
nann über. Su wurde geschrieben 
larunter kritzelte der Calbus mit 
utternder Hand seinen Namen, 
Am Abend dieses Tages schlich 
2m dürres, ausgemerbheites Wechlein 
lurch das angelehnte Scheuerpfort- 
‚hen ins Calbus-Haus und schlüpfte 
auf kundıgen Wegen und Gangenr 
und Stiegen hinauf bis iur Schlaf. 
sammer des totkranken Hantcıs 
Leise öffnete die Frau die Tür. In 
lor Ecke keuchte der Alte. Ein padaı 
Schritte, und sie stand vor seinem 
„Uger, 
„Kennst du nuch“, fragte sie höh- 
isch. Er stierte sie an und gab keine 
Intwort, „Du wirst ja jetzt bald ab- 
zratzen, alter Sünder. Und du kannsi 
sıchte mitholen, keinen Pfennig 
zeid und keine Handroll Grund, gaı 
uchts, Alles bleibt hier, und du 
tehst nackt und erbarmlch vor dem 
ferrgott, denn du bringst kein eın- 
ges gutes Werk mit. Du hast kemer 
Iungrigen gespeist, keinen Durstiger 
sefranukt, kemen Nackten bekleidet 
‘einen Fremden beherbergt, kemer 
setfangenen erlost, keinen Kranker 
‘gesucht, keinen Toten begraben 
Vichts, gar nıchts! Dein eigenes Kınc 
1ast du verstoßen, Und fremden 
„euten, die selbst nicht wissen, wo- 
hin nut ılırem Reichtum, hast du 
Ulles vermacht, In ein paar Tagen 
ragen swe dich hinaus dann be. 
von den Feiern und ın den Werk- 
lallen erheben, ın den Hausern und 
Vuf den Siraben, ın den Purlamenten 
4nd ın den Gerichtssalen, ın den 
"aMilıen und ın den Schulen 
In wen:izen Augenblicken worden 
Nr Such den Ap-stulischen Seaen 
rollen, Ihr werdet euren Mar-ch 
O7lsetzen ıhr kehrt nach Hause zu- 
CuCK und nehm! von neuem eure AS- 
Dt auf Tragt uberalihin eure uf 
Vurerde und beiebende Aktion 
Zuny Gesang se, ein Lied der Sicher- 
at und des Sieues Christus Vince. 
TArispa rezaut! Chraluas ımierat! 
Kan weht der Eisw 
über die Soldatengräber 
in den Steppen im Osten 
Seite 69 
ZZ 
An Mutters Grab 
Allerseelen! -— lJanast verkbunge 
Ist die weihevolle Stunde, 
Sind versiegt die Trancnbache, 
Aus so Mancher Herzenswun ie 
an dem Abendhimme! zichan 
Duünkie Wolken rasch daher: 
Seltsam in der Form und Große 
Ähnlich einem Geisterhee: 
Auf den Gräbern ein Erlös hen 
Der seweihten Opferkerzen: 
Blumen wolken. die gespendat 
Dankerfüllte Menschenherzen 
Einsam steh ich. tiefversunker 
An der Mutter teurem Grabe; 
Ihr vertrau ich all Jas Bittre 
Das ich etüan is mit mir trave 
Sie, die mMiroın meinem Leben 
Alles war, nıın Stolz and Glück 
Kehrt, um ıhrem Kınd zu helfen 
Aus der Eike 27 GE 
Fo nster ist es runs dewerden, 
Altes ac!) on Nucht versinken: 
Uber mir am scenwaarzen Hanne) 
Nee Haffnansssterne blinken 
Tosef Weber 
nOMESE du von all deinen. Grund 
voch keinen Karren voll nm de 
Grube geworfen, Hast du wurklich 
die Courage, jetit, ein paar Stunden 
vor deaver Hinanel- oder Hallenjahrt 
auch noch zu behaupten, der Nıkta 
ginge dich tocht. an“ Hah! Du sagsı 
mCHES heine Antrart ot auch eind 
Anulwort, Und wenn vs dich etwas 
Angeht acırst du ham owocht wenrig- 
Sten. einen Acher oder eine Wiese 
Geben, dab er sich seine Korteifeln 
planen kann and Horn hat, un we 
Gehen Zu Tuttern) ah? 
„ICh -— hab - geschrichen und 
was ıch geschrieben habe — das -- 
bleibt geschrieben“, keuchte der 
Alte, 
„Was“, gellte die Frau, „noch aichrtr 
mal ein Fetzchen von all den größe 
Lappen, die du auf den Gewanner 
hernwnbegen hast? Noch nıcht ma! 
ein Fetichen fur dem le bliche 
Kınd?-" 
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haus, und die Leute wuuderten sich 
dan es nach dem „Schreihen sr 
schnell! np hen gegangen hatte, An 
ner den Erben und den nachster 
Nachbarn gab ıhm hen Drartgenus ss 
das letzte Gefert Jakob Wersuztun tr 
vn Krieg getalten, die Fam est da 
mar erloschen Kein Mensch bauer 
mert sich um des reichen Caibu- 
Grab, kein Mensch betet ein Vater. 
unser fur ıhn In seiner Rechtigrtr 
VE seme SNevcie ershüht, 
„Düs st eine furch'bare Ge 
schichte‘, sugte Frau Magdalena er 
schuttert, „Aber armen ur mich! 
Prntcdem ein Geseft tur den Ver- 
hiendeten heten Gottes Bara oriy 
beit ı<t ohne Grenzer‘ 
Sie griffen ın die Tarcnen und hate 
glitten die Perlen des Rosen) ran 
durch ihre Finger, Herr gib uhm du 
ewige Ruhe und das ewige Licht 
leuchte ihm, auch dem Hannes Cel- 
mus und allen Seelen, deren ndır 
imard mehr gedenkt“ 
1. Pa
	        
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