Full text: Nach der Schicht (24)

Heft 1/1928 
diesem, „bringen Sie mir Rock und Paletot 
und Stiefel, ich muß sogleich ausgehen.“ 
Walker ging in ein Rebenzimmer und holte 
die gewünschten Kieidungsstücke; dann nahm 
er seinem Herrn den Hausrock ab, half ihm 
in den Ausgehrock und hing ihm den Paletot 
über. Den Hut nehmend, eilte Sylvan zur 
Tür hinaus und aus dem Hause. An der 
nächsten Straßenecke stieg er in eine Droschke, 
gab dem Kutscher die nötigen Anweisungen 
und fuhr dann dem Marienhospital zu. Dort 
meldete er sich im Bureau und wurde von 
einem Diener naich der Station der Schwer— 
kranken gebracht. In einem Saal, in dem 
zehn oder zwölf 
bleiche, abgezehrte 
Gestalten lagen, die 
sich ktüumm!een und 
wälz en und de en 
Aecch en und Stöh⸗ 
nen gesignet war, 
selbst einen gesun— 
den Menschen ster⸗ 
bensk: ank zu ma⸗ 
chen, übergab der 
Diener Sir Syran 
einem Wäster, der 
ihn in den hinteren 
Raum des Saales 
führte und dort 
auf das letzte Bett 
deutete mit den 
Worten: 
„Feed Sherwin.“ 
Obwohl der Name 
nur leise gesprochen 
wurde, hatte der 
Kranke, welcher mit 
geschlossenen Augen 
dalag, ihn doch ge— 
hört. Er schug die 
Augen auf, richte!e 
den Kopf ein we— 
nig emrpor und 
starrte den Ankom⸗ 
menden, der jetzt 
wenige Schritte vom 
Fuße des Bedtes 
stehen blicb, eine 
Weile mit weit ge— 
öffnelen Auçen an. 
„ESylran, mein 
Freund!“ rief er dann, indem er sich mit sicht— 
licher Anstrengung aufrichtete und sich auf den 
linken Arm stützte, während er die Rechte dem 
Freunde entgegenstreckke. „Komm,. Sylran, gib 
mir die Hand.“ 
Lord Temple trat näher und faßte mechanisch 
die dargebotene Hand. Er war unfähig, ein 
Wort hervorzubringen. Unverwandt starrte er 
in das bleiche Antlitz mit den eingefallenen 
Wangen und den tiefliegenden geröteten Augen. 
War das wirklich der hübsche, lebensfrohe 
Mann, der stolze Offizier, der einst so zuver⸗ 
sichtlich der Zukunft entgegengesehen, der einst 
als glücklicher Gatte mit jener, der auch sein 
Herz gehörte, das Vaterland verlassen, um im 
fernen Indien „auf dem Felde der Ehre“ sich 
Lorbeeren zu holen? 
Der Kranke fühlte, was in dem Freunde 
vorging, und ein schmerzliches Lächeln zuckte 
um seine Lippen. 
Die 
„Rach der Schicht“ 
„Hab' Dank, Sylvan, daß du gekommen,“ 
agte er mit zitternder Stimme. „Aber ich 
vußte, daß du kommen würdest, denn ich kenne 
dein Herz, das sich nie ändern kann. Ich weiß 
ruun auch, daß du noch mehr für mich tun wirst, 
und dieses Bewußtsein erleichtert mir meine 
letzte Stunde, es läßt mir den Tod, vor dem 
nir noch vor wenigen Minurten graute, als eine 
Wohltat erscheinen, und ruhig gehe ich nun 
inüber in das unbekannte Jenseits.“ 
„Aber, um Gottes willen, wie kommst du 
sierher?“ fragte Sylvan, der sich noch immer 
aicht recht von dem ersten Eindruck, den der 
Anblick des kranken Freundes auf ihn gemacht 
heiligen drei Könige. Nach dem Bilde von A. Dürer 
zu erholen vermochte. „Warum bist du nicht 
gleich nach deiner Rückkehr nach England zu 
mir gekommen?“ 
Sherwin machte eine abwehrende Bewegung, 
dann sagte er mit schwacher Stimme: 
„Du sollst alles erfahren, meine ganze Ge— 
chichte. Komm, setze dich und höre zu. Unter⸗ 
zrich mich nicht, denn ich habe nicht viel Zeit 
nehr übrig, ich fühle, daß mir nur noch Mi— 
auten vergönnt sind.“ 
Er machte eine neue Anstrengung, sich auf— 
echt zu erhalten, und Sylvan drückte ihm das 
Fissen in den Rücken, um ihm das Sitzen zu 
erleichtern; dann rückte er den Stuhl dicht an 
sas Bett und setzte sich nieder. 
Der Kranke blickte gedankenvoll vor sich 
hin. Es schien, als suche er in seinen Erinne— 
rungen nach einem passenden Anfang. 
„Deine Wünsche, Sylvan.“ begann er endlich, 
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„haben sich an uns, an der armen Anna und 
nir, nicht erfüllt. Das Glück schien von uns 
zu weichen mit dem Tage, als wir Europa 
derließen —“ 
„Wo ist Anna? Was ist aus ihr geworden?“ 
fragte Temple hastig. 
„Sie ist tot. Hast du die Todesanzeige 
nicht gelesen?“ 
„Nein.“ 
„Sie starb vor zwei Jahren. Sie konnte 
das Unglück nicht verwinden, welches das 
Schicksal über uns verhängte.“ 
„Arme Anna!“ hauchte Sylvan mit einem 
Seufzer herror. 
Wieder trat eine 
kurze Pause ein, 
welche der K.anke 
un e brach, indem 
er fortfuhr: 
„Du befandest dich 
im Auslande, als 
ich den längst er— 
sehnten Befehl, mich 
zur Absahrt nach 
Indien bereit zu 
machen, erhielt. 
Dieser Ruf erhöhte 
mein Glück, denn 
ich sah miiren Weg 
ietzt klar vor mir. 
Anna ging mit mir 
nach Indien, aber 
wir waren genötigt, 
unser Kind, ein 
Mädchen von acht⸗ 
zehn Wochen — 
und nun ist es bei⸗ 
nahe achtzehn Jahre 
—, zurückzu assen. 
Die Trennung von 
der Kleinen war 
die erste Wolke 
an dem heiseren 
Himmel unseres 
Glückes.“ 
„Weshalb ließet 
ihr es zurück?“ 
fragte Sir Sylvan. 
Weshalbẽ 
wiederholte Sher⸗ 
win, der in der 
Frage des FJreundes einen leisen Vorwurf fand. 
„Es war nicht unsere Absicht, aber der Arzt 
agte, das Kind sei zu schwach, um die Stra— 
dazen der Reise aushalten zu können, es werde 
—— 
chwer es uns, besonders Anna wurde, mußten 
vir uns doch entschließen, das Kind zurück— 
ulassen. Wir hatten in unserer neuen Heimat 
nit mancherlei Ungemach zu kämpfen. Eine 
ängere Krankheit verzögerte meine Beförde— 
'ung und schwächte meine Kräfte, so daß ich es 
erst nach mehreren Jahren zum Major brachte. 
Es wurden uns noch fünf Kinder geboren, die 
aber, nachdem sie einige Jahre alt geworden, 
»ins nach dem andern wieder starben. Dies 
»rach Annas Körper und Geist; langsam siechte 
ie dahin, und als ich endlich ernstlich Anstalten 
raf, sie nach England zurückzubringen, wo wir 
yon meiner geringen Pension und dem Rest 
neines Vermögens, den ich noch gerettet hatte
	        
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