Full text: Der Saarbergknappe (7 [1926])

Nummer 38 
Saarbrulcken, den 28. August 1926 
1. Sahrgaug 
9 6 9 — s * c 8 9 7 J 9 ß 
JhMAM4—— —⏑ 
x * 8 —4 — 4388 83 ⸗ 4 J 9 38 96 ** 4 3260 
Yrgan des Gewerkvereins christl. Bergarbeiter Deutschlanos für das Saargebiet 
CA.AL ocnescũ des „Saar-Bergknappen“: Saarbrücken 
Für wi a tliche u. geistige Seburc ohanner aße 49. — FernsprechAnschluß: 
een eee ẽt —* —* 5 De αι Vmn 
ischeint jeden Samstag für die Mitglieder gratis. — 
reis füt die Zahlstellenabonnenten 5,— Fr. monatl. ohne 
Ptenlohn. für die Postabonnenten 15,— Fr. vierlteljährl. 
Auf den Geist hommt es an 
Bedrängen durch starke Gewerkschaften eine Lohnauf· jwiederum in ein normales uns gewohntes Verhältnis zu 
besserung, dann gäbe er doch entweder garnichts oder nun bringen. Wir verkennen auch nicht, daß Hert Winister 
ein Geringes, wenn die Gewerkschaftsbewegung schwach Koßmann und sein Abteilungsdirektor Dr. Thyssen mancher- 
dastände. Die Gewerkschaftsbewegung wird aber niemals lei Widerstände zu überwinden haben, die die besondere 
schwach werden, wenn wir alle im Geiste der Alten uns wirkschaftliche Struktur des Saargebieles mit sich bringen. 
gewerkschaftlich beltäligen. In dem Geiste, der als selbst. Diesen leßleren Umständen schreiben wir es auch zu, daß 
verständlich betrachtet, daß bei sinkendem Geldwerte die die Abteilung Sozialversicherung die abgegebenen Gutachten 
Gewerkschaftsbeiträge auch fortlaufend aufgebessert werden der Arbeitnehmer in der Arbeitskammer nicht so gewürdigt 
müffen. Was nützt es, wenn ich mich auf der einen Seite hat, wie man dies billigerweise hätte verlangen können. 
als Gewerkschaftler bezeichne und auf der anderen ver Es wird nicht bestrilten werden können, daß die Arbeit- 
weigere ich meiner Gewerkschaft den zum Leben und erfolg nehmer in ihren Gutachten maßvoll waren und durchaus 
reichen Wirken nokwendigen Beitrag! Wenn die alten die wirkschaftlichen Belange des Saargebietes berücksichtiglen. 
Kämpfer nach einer solchen Methode ihr gewerkschaftlichee Es muß daher befremden, daß die Wünsche der Arbeil- 
Wirken eingestellt hälten, dann wäre die gesamte Gewerk geber, die eine Verschlechterung der Regierungsenkwürfe 
chaftsbewegung lange vor dem Kriege kläglich in sich zu vorsahen, in den herausgekommenen Erlassen Berück 
tammengebrochen. Und was wären wir Bergleute dann sichtigung fanden. Doch darauf wird bei gegebener Ge⸗ 
heute? Heloten wären wir, denen man gerade so viel gäbe egenheit zurückzukommen sein. 
im sich eine Schaffhose und ein Schaffhemd leisten zu Die Erlasse betreffend Erhöhung der Leistungen in den 
zönnen. Heloten wären wir, nach denen niemand etwas einzelnen Zweigen der Sozialversicherung — gleich 6 an 
ragte, die ausgeschmiert wären auf allen Lebensgebieten der Zahl — sind nun veröffentlicht. Wir geben dieselben 
Kameraden, wollt ihr ein Helotendasein führen? Wenr nachstehend wieder mit anschließenden aufklärenden Be— 
nein, dann müßt ihr euch auftraffen und im Geiste der Alten merkungen. 2 Erlasse behandeln die Erhöhung der Leistungen 
gewerkschaftlich wirken. Darauf kommt es jetzt und immer in der Wochenhilfe, Familienwochenhilfe und Wochenfür— 
sar an, denn „der Geist ist es, der den Körper formt“ sorge. Da beide Erlasse die gleichen Leistungen vorsehen 
Wenn wir das nicht vergessen, werden wir auch Schwierig lo genügt es, wenn einer derselben veröffentlicht wird. 
reiten meistern und die Geschehnisse richtig ꝰ 
Die Erhöhnng der Leistungen in der 
Sozialversicherung des Suargehietes 
Ein erwarkungsvlles Raunen ging durch die Reihen de 
Sozialrentenempfänger des Saargebietes, als die Tages 
oresse am 7. August nachstehende WTB.Meldung brachte 
„Nach monaltelangen Berakungen und eingehender 
Verhandlungen zwischen Arbeilgebern und Arbeit 
nehmern in der Arbeitskammer hat die Regierungs 
zommission in ihrer letzten Sihung die e de 
Sozialrenten u dem Gebiete der Unfallversiche rung 
Invaliden- und Alkersversicherung, ferner der Wochen 
bdeihilfe ab 1. 8. 26 beschlossen. 
Die Erhöhung wird aufgebracht zum kleinsten Tei 
aus vorhandenen Reserven, zum größten Teil durch Er 
höhung der Beiträge; soweit die Invalidenversicherung 
und die Wochenbeihllfe in Frage kommen, durch Er 
höhung der Zuschüsse der Regierungskommission. Die 
Zuschüsse der Regierungskommission aus dem Haushal 
des Ekats für das Saargebiet erfahren eine Erhöhung 
von zusammen 78 Millionen Franken pro Jahr, sodaf 
die gesamten Ausgaben an Zuschüssen künftig vro Jahi 
1335 Millionen betragen.“ 
Diese Meldung, die anscheinend aus einem Buro der 
Regierungskommission stammt, müssen wir leider, weil nicht 
ganz den Tatsachen entsprechend, beanstanden. Es heißtl 
daß Arbeitnehmer und Arbeilgeber in der Arbeitskammen 
monatelang Berakungen gepflogen hätten, um belkreffen' 
der erforderlichen Leistungserhöhungen in der Sozialver 
icherung zu einer Einigung zu kommen; das ist nicht richtig 
Sobald, nachdem die Regierungskommission der Arbeits 
rammer die entlsprechenden Vorlagen zugeleitet hatte 
wurden diese Vorlagen im Ausschuß für Sozialversicherung 
eingehend beraten und bereits am 29. Juli im Plenum der 
Arbeitskammer mit den nachgesuchten Gutachten verab 
chiedet. Die Beralungen nahmen kaum 3 Wochen in An— 
pruch. Wir glauben, diese Feststellung machen zu müssen, 
damit nicht in den Kreisen der Sozialrentner die irrige 
Meinung entsteht, die Gewerkschaften bzw. Arbeitnehmer 
derkrelet in der Arbeitskammer hätten eine Verschleppung 
her dringend erforderlichen Leistungserhöhungen verursacht 
Richtig ist, das stellen wir mit besonderer Betonung fest, 
aß die gewerkschaftlichen Organifationen schon seit Jahren 
zauernd vorstellig wurden und um gerechte Erhöhung der 
deistungen in allen Zweigen der Sozialversicherung nach 
uchten. Warum man die diesbezüglichen gerechten Forde 
ungen der Gewerkschaften von Seiten der maßgebenden 
Stellen unbeachtet ließ, ist heute hinlänglich bekannt und 
zraucht hier nicht meht näher darauf eingegangen zu werden 
Es war jedenfalls im Interesse der Sozialversicherlen und 
nsbesondere der armen Rentkenempfänger gut, daß das 
aarländische Mitglied der Regierungskommission, Hert 
Minister Koßmann, die Sozialversicherung unter seine per 
önliche Führung nahm. Wir stellen hier gerne fest, daß 
Ninister Koßmann allen Ernstes bestrebt ist, die bisher se 
tiefmüttertich behandelte Sozialversicherung des Saargebiete 
reyt noch der Geist der alten Kameraden in unseren 
zewegung? Diese Frage zu stellen, ist heute sehr nolk— 
endig. O wie gerne möchten wir sie mit einem freudigen 
beantworlen. Aber Hand aufs Herz: kann man das 
ohne weiteres!?! Wer in sich und um sich schaut, wird 
eich uns finden, daß obige Fragestellung nicht unberechtigk 
So allerlei Anzeichen und Aeußerungen sprechen da 
daß gar manche vom Gewerkschaftsgeist der alten 
ampfer nicht durchdrungen sind. Wäre es so, dann müßte 
nerhalten ein anderes sein 
»elchen Geist wir da meinen? Aun, diese Gegenfrage 
pollen wir gleich beantworten. Wir meinen den Geist, der 
ie alten Kämpfer in ihrer Organisation ein Stück ihres 
genen Selbst erblicken ließ, den Geist, der sie anfeuerke, 
ir ihte Organisation ihr Alles einzusetzen. Dieser 
jeut machte die alten Pioniere stark, Schmähungen, per- 
onliche Verunglimpfungen, Brotlosmachung, ja sogar Ge— 
angnisstrafen hinzunehmen und zu erleiden, ohne sich ihren 
tampfesgeist für ihre gerechte Sache, ohne sich ihren Idea- 
is und ihren Glauben in ihre Bewegung verkümmern 
rauben zu lassen. Lebt der Geist noch in allen Mit— 
uedern und Bergleuten, der die alten Kämpfer stark 
achte, Unternehmer- und Behördendruck zu krotzen und 
widerstehen? Wir meinen den Geist, den auch der 
nendste Terror der rolen Gegner der christlichen Gewerk 
aftsbewegung nicht ausmerzen konnte und der den Willen 
aAten Kämpfer zu einem unbeugsamen machte. Sie 
len weder Wind, noch Welter, wenn sie Sonntag für 
zonnkag bis in die fernsten Bergmannsorte zogen, um neue 
Stxeiler für den Arbeiter-Befreiungskampf zu gewinnen 
Das alles taten sie, ohne Dank und Lohn dafür zu bean— 
ptuchen. Sie taten es aus eigenem Triebe, aus 
dem hingebungsbereiten Glauben heraus, daß nur durch den 
zusammenschluß Gleichgesinnter und gleiches Leidender der 
beraus schlechten Lage des Bergmannsstandes abzuhelfen ist 
Aun fragen wir: ist die serr Geist heute in jedem Ge— 
derkrereinsmitglied lebendig? Baut sich bei allen und 
edem die gewerkschaftliche Zugehörigkeit auf Ueberzeugungs— 
teue, Glauben in die Bewegung, Idealismus, Opfermut 
uf? Wir könnken in frohen Jubel ausbrechen, wenn unsere 
imtlichen Mitglieder vorkrälen und dann Mann für Mann 
agten: jawohl, in mir lebt die ser Geist, meine gewerk 
haftliche Zugehörigkeit ist in der gekennzeichneten Grund 
age verankert und zwar felsenfest. Leider ist es nicht so, 
denn wir ehrlich Bekenntnis vor uns selbst ablegen. All. 
uviel gründet sich heute die gewerkschaftliche Zugehörigkei 
uuf nur Nützlichkeilserwägungen, auf nur materiellen Ab— 
dägungen. Der Gedanke steht im Vordergrund: was 
erdiene ich dabei? Dabei wird dann halt leicht 
ibersehen, wenn wir auch keine großen Sprünge machen 
oönnen und die wirkschaftliche Misere auf uns laftet, daß 
eit doch gegen früher voran gekommen sind. Wer das 
eugnet, leugnet wider besseres Wissen, leugnet aus dem 
Bestreben heraus, seinen gewerkschaftlichen Standpunkt „be 
tünden“ zu können. Die Bergleute, die so denken, haben 
auch immer gegen den „hohen“ Gewerkschaftsbelrag zu 
eln. Sie glauben, nur sie gäben det Organisalion etwas 
diese leiste dafür entweder gar nichts oder nichts 
dleichwerliges. Solche Gedankengänge und Aeußerungen 
eweisen uns klar, daß der Geist der alten Kämpfer, so 
iir ihn oben wahrheitsgetreu zeichneten, nicht bei jedem 
ind allen zu verzeichnen ist. Das ist ein für die Bergleute 
und ihre Gewerkschaftsbewegung gefährlicher Zustand. Wir 
nüssen soweit kommen, daß in jedem Bergmann der Geisit 
ꝛet alten Kämpfer lebendig wird und zu Taten anspornt 
is oarf nicht so bleiben, daß die Lohnskala allein zum 
VBertmesser des gewerkschaftlichen Gesamtwirkens ge— 
'ommen wird. Gewiß ist die Lohnfrage eine der wichtigsten, 
se es zu betreuen gilt. Darum ist der Gewerkverein ja 
uch dauernd bemüht, das Lohnergebnis günstiger zu ge 
ialten. Aber es können doch Jeiten einkreten, wo die Ver— 
vältnisse und Schwierigkeiten so gelagert sind, daß nich! 
mer das Notwendige an Lohnaufbesserung herauszu— 
dlagen ist. In solchen Jeiten darf nun nicht nach dem 
Ratschlag 2der Kommunisten immer wieder „offener 
tieg“ rt werden. Man muß wissen, daß man ge— 
eGiferligt ist und ob die Opfer auch den entsprechenden 
itfolg bringen. Wer seine Kräfte zur unrechten Zeit und 
ußlos vergeudet, ist bald erledigt. Wer in solchen Zeiten 
* Gewerkschaftsbewegung schwächt, verschlechterk doch 
eine eigene Lage Gibt der Unkernebmer nur nach hartem 
Erlaß betreffend Fumilienwochenhilse und 
Wochenfürsorge 
Arlikel J. 
Im 20354 Abs. 3 der RVBO. werden die Worte „ein 
undeinhalben Francs“ ersehzl durch die Wortle „drei Francs“ 
und die Worie „fünfundsiebzig Eentimes“ ersetzt durch die 
Worte „einundeinenhalben Francs“. 
Arkikel II. 
Das Gesetz über Wochenfürsorge vom V. Juni 1922 in 
der Fassung der Verordnung vom 18. Mai 1923 (Amisbl. 
Nr. 13, S. 119) und des Erlasses vom 3. Juni 1925 (Amls- 
blait Nr. 14, SG. 111) wird wie folglt geändert: 
Im 8 2 werden die Worle „2700 Frs.“ erseht durch die 
Worte „viertausendfünfhunderl Francs“ und die Worte 
300 Frs.“ erseht durch die Worle „fünfhundert Frs.“ 
Im 8 3 werden erseht: 
—X 
die Worie „fünfundzwanzig Francs“ durch die Worte 
hunderizwanzig Francs“ und die Worte „fünf Franes“ 
durch die Worle „vierundzwanzig Francs“; 
unter Ziffer 3 
die Worie „einundeinenhalben Francs“ durch die Worle 
„drei Franes“, 
unker Ziffer 4 
die Worte „fünfundsiebzig Cenlimes“ durch die Worke 
einundeinenhalben Francs“. 
Arlikel III. 
Dieser Erlaß irilt am 1. August 1926 in Kraft. Er findel 
nur auf diejenigen Fälle Anwendung, die sich von diesem 
Tage an ereignen. 
Die vorstehenden neuen Leistungssätze wurden, wie wie 
bereils im „Bergknappen“ berichteten, am 2. Juni ein- 
stimmig durch die Arbeitskammer festgesehl. Die Gesamb— 
leistung aus der Familienwochenhilfe-und Fürsotge beträgl 
jetzt 460530 Frs. gegenüber 195,25 Frs. vor dem 1. August. 
Es ist eine Leistungserhöhung von 265,25 Frs. zu ver⸗ 
zeichnen. Die Bestimmungen des Art. Il haben nur Be⸗ 
deutung für solche weibliche Personen, die weder selbst ver⸗ 
sichert, noch Anspruch auf Familienwochenhilfe haben. Be 
trägt deren Einkommen weniger als 4500 — Frs. im Jahre, 
so haben diese Personen im Entbindungsfalle Anspruch auf 
die Wochengeldleistungen bei der zuständigen Ortskranken⸗ 
kasse. Diese Erhöhung der Leistungen im Rahmen eines 
Erlasses ist befriedigend, wobei wir jedoch nicht unlerlassen 
möchten, zu betonen, daß unbedingt weitere Verbesserungen 
geschaffen werden müssen, genau wie dies im Reiche bereits 
zgeschehen ist. 
IIn 
** 
Der 2. Erlaß bekrifft die Erhöhung der Leistungen in der 
Unfallversicherung. Derselbe lautet: 
Erluß betreffend Unfallgersicherung 
Arlikel I. 
In 88 544, 548 ZJiff. 3. 8 550 Abs. 1, 2, 8 377 Ws. 3 
z8 896, 923 Abs. 1 Ziff. z 6825 Ziff. 2z und 8927 Abs. 1. 
der RVO. werden die Worte „zwölflausend Francs“ —«ch— 
durch die Worte drolßzialausfend Francs“
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.