Full text: Der Saarbergknappe (7 [1926])

Nummer 30 
Saarbrücken, den 24. Juli 1926 
7. Zahrgang 
Ner Geruhshe 
Organ des Geteerkvereins christl. Bergarbeiter Deutschlands für das Saargebiet 
Fscheint jeden Samstag für die Wuitglieder gralis. — Geschäftsstelle des „Saat -Vergknappen“: Saarbrücken 
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Ferienzeit 
Wenn man jetzt mit dem Zuge fährt, trifft man 
immer eine Schat Menschen, die mit allerlei Gepädl 
versehen, in froher Stimmung in die Ferne fahren 
hanze Familien sieht man so reisen, mit lustigem 
Feplauder sich die Zeit verkürzend. Frohe Erwar— 
zung strahlt aus den Augen von Jung und Alt. Die 
zinder werden nicht müde, immer wieder Fragen zu 
lellen und gar glücklich lächeln Vater und Mutter 
zaß ihre Kinder sich in so erwartungsvoller Vor— 
ceudenstimmung befinden. 
Es ist halt die Zeit der Ferien angebrochen 
deider nur nicht für den Menschen, der in Grube und 
Fabrik schwer werken muß. Ihm und seiner Familie 
hleiben die Freuden einer Ferienzeit versagt. 
Alle Beamte, mögen sie in Staats- Kommunal 
oder Privatdiensten stehen, auch fast alle Angestellte 
haben ihre reichlich bemessene Ferienzeit. Freie Be— 
tufe, Wirtschaftsführer, Geschäftsleute usw., sie alle 
fönnen ein- oder sogar mehrmal im Jahre aussetzen 
und ihre Ferien verleben. Fern vom hastigen Ge— 
triebe des Wirtschaftslebens, in Badeorten oder in 
hegenden, die unser Herrgott reich mit Naturschön— 
heilen ausstattete, können sie neue geistige und kör— 
petliche Kräfte sammeln. Und meistens nimmt die 
ganze Familie an dieser Erholung teil. 
Während der Ferienzeit trifft die Beamten und 
Angestellten keine Einkommensverminderung. Im 
Hegenteil, manche Betriebe gewähren noch neben dem 
ordentlichen Gehalt besondere Ferienzuschüsse. Ledic 
materieller Sorgen soll der Mensch ganz seiner Er— 
holung leben können. 
Esͤsst zu verstehen, daß Menschen, die so für einige 
zeit der Stätte ihres Alltagswirkens fern sein 
tönnen, mit neuer Lebensfreude und geweckter Schaf— 
fenslust zurückkehren. Zurückgekehrt finden sie aber 
den Menschen Arbeiter an seiner Werkstätte wieder, 
so wie sie ihn verlassen haben. Dieser hatte entweder 
zar keine Ferien oder sofern seine Organisation ihm 
solche erstritten hat, in so geringem Auͤsmaße, daß sie 
als wirtliche Erholungszeit gar nicht angesprochen 
werden können. Zudem reicht das Einkommen gar 
nicht aus, das Industriegebiet mit Familie auch nurn 
ür wenige Tage zu verlassen. 
Es ist klar, daß dieser Zustand große Verbitterung 
nnerhalb der Arbeiterschaft auslösen muß. Gerade 
während der großen Ferienzeit empfindet die Ar— 
beiterschaft es mehr als sonst, daß die ganze Last der 
nenschlichen Misere auf ihr ruht. Der mit aufge— 
rischten geistigen und körperlichen Energien aus 
Ferien zurückköhrende „Vorgesetzte“ verlangt nun 
noch größere Leistungen vom Arbeiter, dem keine Er— 
holung und Ausspannung gegönnt war. Und dieser 
oll solches „Entgegenkommen“ damit quittieren, daß 
et großes Verständnis für die Forderungen der 
übrigen aufbringt, weil der „Volksgemeinschafts 
gzeist“ halt solches verlange. Aber niemand ist bereit 
duf die Lage der Arbeiterschaft, auf ihr Fühlen und 
denken und auf ihr Leiden die notwendige Rücksich— 
„d nehmen. Nachhèr verwundert man sich noch schein 
deilig darüber, daß aus der „Volksgemeinschaft“ 
lichts wird und die „ewig unzufriedenen“ Arbeite 
mmer mehr „nach lints rutschen“. 
Angesichts der Ferienzeit ist es am Platze, darau 
yinzuweisen, daß das gan ze Volk sich darum be— 
nmiihen muß, daß auch dem Arbeiter ausreichende 
Urlaub wird und daß Gelegenheiten geschaffen wer 
den, daß auch er seinen Urlaub fern dem hastigen 
Industriegebiete zubringen kann. Schon seit Jahrer 
lämpfen ja die Bergorbeiterorganisationen um aus 
teichenden Urlaub. In der Vorkriegszeit war es nich 
möglich, solchen zu erringen. Schuld daran war einer 
seits der mangelhafte rganisationssinn und -Wille 
der Bergleute andererseits die Rücksichtslosigkeit des 
Unternehmertums. In der Kriegs- und Nachkriegs— 
zeit bestimmte die Kohlennot die Bergleute und ihr— 
Organisationen. von der Durchführung dieser For 
derung abzustehen, weil halt die ärmsten Söhne wie 
immer sich als die treuesten des Volkes erwiesen, das 
heißt, die Bergleute zu den normalen Schichten nocdh 
viele Ueberschichten versuhren, damit ja die Wirt 
schaft und das übrige Volk nicht allzu großen Schader 
durch Kohlenknappheit lseiden jollten. Als die Kohlen 
Inappheit behoben war, setzten sich die Organisationen 
energisch für Bergarbeiterurlaub ein. Im Ruhrge— 
biet wurde ein Urlaub bis zu 12 Tagen, im Saarge— 
ziet bis zu 6 Tagen erreicht. Wohl ist damit ein An⸗ 
ang, aber ein höchst ungenügender gemacht. Einmal 
ind die jugendlichen Bergleuüte vom Urlaub gänzlich 
ausgeschlossen, sodann ist die Urlaubszeit von 3 bis 6 
Tagen zur wirklichen Erholung völlig unzureichend 
Sinzu kommt, daß die ungenügende Entlohnung den 
ßergmann nicht in die Lage versetzt, seinen Urlaub in 
»iner Gegend zu verbringen, die ihn seine Alltags— 
orgen, die Schwere des Berufes etwas vergessen 
ließe und seinen Körper wieder richtig auffrischte 
Wo es so ist, muß nach Mitteln und Wegen gesuch 
werden, wie einmal dem Bergmann ausreichenden 
Urlaub — auch den Jugendlichen — geschaffen und 
wie es ihm ermöglicht wird, diesen zwecks wirkliche! 
Erholung und frei von quälenden Sorgen außerhalb 
des Industriegebietes zu verbringen. Das ist ein 
großes und wichtiges Problem, um dessen Lösung die 
Besten des Volkes sich bemühen müssen, soll der Rif 
in unserem Volke nicht völlig unüberbrückbar und 
seder Ansatz zur Bildung einer wirklichen Volksge 
meinschaft vernichtet werden 
Soll Macht vor Recht gehen? 
Recht eigentümliche Methoden greifen auf den 
Saargruben immer mehr Platz. Macht wird einfach 
vor Recht gesetzt. Durch Anwendung des Machtstand- 
punktes wird versucht, dem Arbeiter sein gutes Rech! 
zu nehmen. Der Arbeiter soll mundtot gemacht wer— 
den. Er soll sich ducken und willenlos das hinnehmen 
was die Grubenverwaltung von sich aus zu tun sün 
gzut befindet, einerlei ob das geltendem Recht wider—s 
pricht oder nicht. Schon oft wurde Arbeitern von 
Ingenieuren gedroht, falls sie ihr Recht vom Berg 
gewerbegericht sich bestätigen ließen, sie die Kündi— 
gung zu erwarten hätten. Obschon die Ingenieure 
zenau wußten, daß dem Arbeiter widerrechtlich sein 
Anspruch vorenthalten wurde, drohten sie doch mit 
Brotlosmachung, falls der Arbeiter zur Erlangung 
eines Rechtes ans Berggewerbegericht ginge. 
Ein Fall, der sich in jüngster Zeit zutrug, erhellt so 
recht die Methode der Grubenverwaltung. Die Ka— 
moradschaft Preißendörfer von Grube Alten— 
wvald verdiente im September vorigen Jahres aufe 
abgeschlossene Gedinge bis zum 18. des Monats 12.50 
Fr. An diesem Tage ging die Arbeit zu Bruch. Die 
Aufwältigung dauerte einige Tage. Anstatt mit der 
Kaineradschaft ein neues Gedinge, das den nicht vor— 
auszusehenden nun stark veränderten Verhältnissen 
Rechnung trug, zu vereinbaren, wurden auch die 
Schichten mit im alten Gedinge verrechnet, die zur 
Beseitigung des Bruches verfahren worden waren 
Dadurch minderte sich der bis zum 18. September rer. 
diente Gedingelohn von 12.50 auf 9.45 Fr. Die Ka 
meradschaft erhob Klage beim Tarif- und Haupttarif— 
ausschuß. Als vor beiden Instanzen keine Einigung 
zu erzielen war, wurde Klage beim Berggewerbe— 
gericht, Spruchkammer 3 zu Sulzbach angestrengt. Um 
14. Juni d. J. stand die Sache zur Verhandlung. Wie 
nicht anders zu erwarten war, stellte sich auch das 
Borggewerbegericht auf den Standpunkt des Klägert 
und wurde die Grubenverwaltung verurteilt, für die 
bis zum 18. September verfahrenen Schichten den 
wirklich verdienten Lohn von 12.50 Fr. zu zahlen. 
Es wurde folgendes Urteil erlassen, das des Fest 
saltens und der Beachtung wert ist: 
Im Namen der Regierungskommission! 
Verkündet am 14. Juni 1926. Bier, Gerichtsschreiber. 
In Sachen 
1. des Berömanns Karl Preißendörfer in Hühnerfeld, 
2. des Beramanns Jakob Schneider in vühnerseld, 
Kläger, 
vertteten durch Gewerkschaitssektt. O. Schmidt in Sulsbad 
gegen die 
Verwaltung der französ. Saargruben des Saargebiete 
Beklagte, 
wegen Forderung, erkennt die Spruchkammer 3 des Berg 
gewerbegerichts zu Sulzbach durch den Vorsitzenden, de 
Umtsgerichtsrat Jakobi, unter Mitwirkung 
1. des Vorsißenden, Amtsgerichtstat Jakobi, 
2. der Beisiser: 
a) aus den Arbeitgebern: Ingenieur Plessy in Göttel⸗ 
born, 
by aus den Arbeitern: Bergmann Jobann Zimmet in 
Neuweiler 
füt Recht: Die Beklagte wird verurteilt, an die Klägct 
je 41,55 Fr. zu zahlen und die Kosten des Rechtsstreites zu 
tragen. Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar. 
Gründe: 
Der Anspruch der Kläger auf einen neuen Gedingeab- 
schluß auf Grund des 8 25 der Arbeitsordnung war un⸗ 
abhängig von der Frage ibres möglichen Verschuldens, da 
ein solcher Anspruch normal dann geseben erscheint, wenn 
rein objektiv in den Verhältnissen, welche dem Gedinge—⸗ 
abschluß zu Grunde gelegen haben, eine wesentliche Ver— 
änderung eingetreten ist. Diese Voraussetzung lag durch 
das am 18. September 1925 eingetretene Zubruchegehen 
des Abbaues vor. Bei dem vertraglichen Charakter jedes 
Gedinges mußte die Beklagte versuchen, mit dem Kläger 
ein neues Gedinge zu vereinbaren. Hierbei wäre nach den 
88 26, 29 der A.O. zu verfabren gewesen, nicht aber durite 
sie einseitig auf Grund der Annahme eines Verschuldens der 
Kläser im Durchschnittsgedinge für den ganzen Monat 
September errechnen und ibrerseits den Klägern von sich 
aus auferlegen. Sierdurch hat sie gegen den Grundsatz der 
Vertragsfreiheit im Arbeitsverhältnis verstoben. Die Ver⸗ 
kürzung des Gedinges für den Rest des Monats September 
haben die Kläger zwar stillschweigend hingenommen, da« 
gegen können sie mangels anderweitiger Einigung bean— 
spruchen, daß ihnen für die Zeit bis zum 18. September 
das vereinbarte und abgeschlossene Gedinge in Söhe von 
12.50 Fr. ihrem unbestrittenen Verdienst und der Förde— 
rung entsprechend ausgezahlt wird. Der Klageanspruch er— 
erschien daher gerechtfertigt. ges. Jakobi. 
Damit hatte die Angelegenheit noch nicht ihre Er- 
ledigung gefunden. Als Preißendörfer den vorent« 
haltenen Lohnbetrag bei der Grubenverwaltung ein⸗ 
forderte, wutde ihmgekündigt mit dem ausdrüd—⸗ 
lichen Bemerken, die Kündigung erfolge wegen seiner 
Klage am Berggewerbegericht und des Einforderns 
des zustehenden Betrages. Auch den übrigen Kanie—⸗ 
radschaftsmitgliedern, die ebenfalls Anspruch auf den 
zu Unrecht einbehaltenen Lohnbetrag erhoben, wurde 
mit Kündigung gedroht, falls sie auf der Einlösung 
dieses Rechtes beständen. 
Dieses unverständliche Vorgehen der zuständigen 
Grubenverwaltung (Ingenieur Faucher) brachte die 
ganze Belegschaft in helle Empörung. Als am 14. Juli 
Preißendörfert tatfächlich entlassen wurde, drohte ein 
Streik auszubrechen. Die Belegschaft nahm in einer 
Versammlung zu dem Falle Stellung und bkeschloß in 
einer einstimmig angenommenen Entschließung, ab 
19. Juli in den Streit zu treten, falls das Preißen⸗ 
dörfet widerfahrene Unrecht nicht gutgemacht würde. 
In der Entschließung wurde zum Ausdruck gebracht, 
daß in dem Verhalten der Grubenverwaltung eine 
Verletzung der tariflich festgelegten Rechte und ein 
Angriff auf die Rechtssicherheit des Arbeiters im 
Betriebsleben zu erblicken sei. 
Die beiden Organisationen bemühten sich sofort um 
Beilegung des Konfliktes. Durch Vermittlung und 
Fürsprache der Minister Koßmann und Morice kamen 
am 17. Juli Verhandlungen mit der Bergwerks— 
direktion zustande, die zu nachfolgender Einigung 
rührten: 
VPreißendörfer wird wieder eingestellt und zwar 
auss Grube Mellin. Ihm und den übrigen Kamerad⸗ 
schaftsmitgliedern wird der eingeklagte und zuge— 
sprochene Lohnteil gezahlt. 
Um den Foll zu einer gütlichen Erledigung zu 
bringen, wurde nachstehendes vereinbart: 
„In dem Falle Preißendörfer-Altenwald sind die 
Organisationen in Uebereinstimmung mit der 
Feneraldirektion der Ansicht, daß durch das Urteil des 
Berggewerbegerichts lediglich der Fall Preißendörfer 
als erledigt anzusehen ist und daß alle anderen — 
etwa ähnlich gelagerten — Fälle nur auf Grund der 
jeweils sür diese Fälle vorkiegenden Tatsachen be— 
urteilt werden sollen. 
gez. Sainte Claire-Deville, Schwarz, Fritz Kuhnen.“ 
So wäre dieser Fall, der die Belegschaft mit Recht 
aufbrachte, aus der Welt geschafft. Würde die Gene— 
raldirektion darauf halten, daß nicht immer einige
	        
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