Full text: Memorandum zur Bergarbeiterstreikbewegung im Saarrevier 1912 - 13

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konnte man hier im Saarrevier es erleben, was leider schon so 
oft (wir fragen: wo? und wann?) dagewesen ist, daß die Berliner 
und die Sozialdemokraten Schulter an Schulter kämpften gegen 
den Gewerkverein“, muß aufs schärfste Protest erhoben werden. 
Jeder Einsichtige weiß, daß die Kluft einer ganzen Welt zwischen 
den Tendenzen der katholischen Organisation und denen der sozial— 
demokratischen ist. Gewiß kennt der Theologe der „Köln. Volksztg.“ 
auch den Grundsatz: Si duo faciunt idem, non est idem. Danach 
wird der Fall behandelt in nachfolgenden Zeilen aus dem Artikel des 
Berliners in der Köln. Volksztg. Nr. 89, 1913 (vgl. S. 8): 
Zuerst haben in der letzten Bewegung die Christlichen und die 
Sozialdemokraten Schulter an Schulter gestanden. Die Sozialdemo— 
kraten haben den Streikbeschluß der Revierkonferenz begrüßt und sich mit ihr 
für den Streik ausgesprochen, allerdings haben sie von Anfang an erklärt, 
daß sie kein rechtes Vertrauen in die Streikabsicht der Christlichen 
setzten. Warum wird dieses ursprüngliche Zusammengehen von Gewerk— 
verein und Altem Verband verschwiegen? Nun ist es jetzt allerdings anders 
geworden, jedoch nur deshalb, weil die christliche Gewerkschaft ihren Stand— 
punkt geändert hat. Die Sozialdemokraten wie die Berliner sind sich treu 
geblieben, erstere möchten heute noch streiken, letztere wollten es von Anfang 
an nicht. Und so ergibt sich, daß in dem jetzigen Kampfe gegen die Gewerk— 
schaft das Motiv des Kampfes bei ihren Gegnern ein ganz verschiedenes, ja 
ein entgegengesetztes ist. Die Sozialdemokraten halten ihr vor, daß sie die 
Streilbewegung abgebrochen hat, die Berliner, daß sie dieselbe von 
Anfang an inszeniert hat. In Wirklichkeit kann man also von keinem Zu— 
sammengehen der katholischen Arbeitervereine (Sitz Berlin) und der Sozial— 
demokratie reden. Im Gegenteil steht diese nach wie vor der christlichen 
Gewerkschaft weit näher, da sie sich der gleichen Mittel im wirtschaftlichen 
Kampfe bedient. Und deswegen ist auch zu befürchten, daß diejenigen Ge— 
werkschaftler, die infolge des Streikabbruches die christliche Gewerkschaft ent— 
täuscht verlassen, sich der Sozialdemokratie zuwenden, nicht aber den Berlinern. 
c) Wir protestieren auch gegen den unverantwortlichen An— 
wurf „Gefährlichkeit und Unhaltbarkeit des Berliner Systems“, 
der sich findet in der „Köln. Volksztg.“ Nr. 11 (1913): 
Uns liegt nur an der grundsätzhlichen Seite der Frage. Es 
wäre jedenfalls besser gewesen, eine gewisse Empfindlichkeit nach dem Bei— 
spiele der Grubenbehörde zurückzustellen, die vereinzelte rednerische Ent— 
gleisungen die Arbeiter nicht entgelten lassen will und damit psychologisches 
Verständnis für anormale Zustände und Kampfzeiten beweist. Man sollte 
auch billigerweise bedenken: wer in die Arena hinabsteigt, darf sich nicht wun— 
dern, wenn der Staub um ihn wirbelt und schließlich auch an der Sutane 
hängen bleibt. Daß ein Arbeiter, zumal in der Erregung, nicht distinguieren 
kann wie ein waschechter Scholastiker, ist schließlich auch nicht weiter ver— 
wunderlich. Es ist eben ein Gebot pastoraler Klugheit, in diesen kitzlichen 
Dingen auch den Schein zu meiden, und der ist durch die Haltung in der 
ganzen Bewegung eben nicht gemieden worden. 
Wenn die Präsides sodann meinen, daß ihre Haltung durch die Er— 
eignisse vollkommen gerechtfertigt sei, so sind sie um diesen tragfähigen Opti— 
mismus zu beneiden. Wie sich doch g wunderlich in manchen Koͤpfen die 
Welt malt! Es fehlt nur noch die Behauptung: die tatsächlich errungenen 
Erfolge ideeller und materieller Art, die die „Kölnische Volkszeitung“ sofort 
richtig herausgestellt hat, seien ein Verdienst der Berliner. Der eherne Gang
	        
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