Full text: Memorandum zur Bergarbeiterstreikbewegung im Saarrevier 1912 - 13

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gewissenhaft informiert hatte, schon vorher in demselben Sinne sich entschieden 
geäußert. 
Zu beachten ist auch daß von 1893 bis 1904, wo an der Saar durch 
das Regiment Hilger jede gewerkschaftliche Organisation niedergehalten 
wurde, die katholischen Geistlichen der Bergmannsortschaften fast die einzigen 
Berater der geplagten Bergleute auch in ihren wirtschaftlichen Nöten waren. 
Nachdem dann an der Saar eine kräftige Gewerkschafts— 
dewegungeingesetzt hat, wäre es auch vom Standpunkte 
der geisthichen Autorität zu begrüßen, daß die Geist— 
bichen bei wirtschaftlichen Kämpfen, soweit rein wirt— 
schaftliche Gesichtspunktein Betracht kommen, sich mög— 
hichst aus der Schußlinie hielten. Geschähe das, dann 
dürften unerquickliche Auseinandersetzungen für die 
Folge ausgeschlossen sein. 
Manche derjenigen aber, welche jetzt über die Mißachtung der 
geistlichen Autorität durch den „Bergknappen“ klagen, 
sollten zunächst eine Gewissenserforschung darüber anstellen, ob und 
in welcher Weise sie nicht selbst diese bedauerliche Erscheinung unseres öffent— 
lichen Lebens heraufbeschworen haben. (Die Sperrungen sind vom Verf 
der Broschüre.) 
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So vorsichtig die „Föln. Volksztg.“ in ihren „Wendungen“ ist (vgl. 
S. 82), man merkt doch, daß sie sich berufen glaubt, nicht bloß den 
Beistlichen, sondern auch dem Bischof von Trier in versteckter Form 
und mit klugen Wendungen Weisungen zu geben. Der Hinweis auf 
„den Episkopat in seiner Gesamtheit“ steht auch in dem am selben Tage 
unter gleichem Datum erschienenen zweiten Artikel des „Bergknappen“ 
Nr. 4 vom 25. Januar 1913, s. S. 78). Wir sehen daraus wieder: 
„Verwandte Seelen finden sich zu Wasser und zu Lande.“ Die „Köln— 
Volksztg.“ kümmert sich in dem Artikel „Maßhalten“ um Dinge, 
worüber zu urteilen sie nicht befähigt und zuständig ist. Die katho— 
bischen Geistlichen des Saarreviers haben ihren 
Bischof und den Papst, deren Weisungen allein für 
sie verbindblich sind. Die Haltung der „Köln. Volksztg.“ gegen 
die katholische Organisation hat schon oft den Unwillen vieler ihrer 
Leser erregt. Sie könnte wohl wissen, daß der ungläubige Geist des 
Sozialismus und des Radikalismus unter den Katholiken desto mehr 
genährt wird, je mehr der wohltätige positive Einfluß der Kirche in der 
Praxis zurückgedrängt wird. Gerade auf dem Gebiete der wirtschaft— 
lichen Fragen, inwieweit nämlich hier die Gebote Gottes und die Gesetze 
der christlichen Gerechtigkeit und Liebe maßgebend sein sollen oder nicht, 
wird die Schlacht zwischen dem Sozialismus (Materialismus) und dem 
LThristentum geschlagen werden müssen. Sobald man aber in 
diesen wirtschaftlichen Fragen nicht mehr offender 
Kirche folgt, gerät man in Gefahr, irre zu gehen 
und vom Geiste des Sozialismus angesteckt zu 
werden. 
Was die am Schlusse des Artikels angeratene Gewissens— 
erforschung anlangt, so wird diese bei uns täglich geübt. Wir 
fragen uns stets: Sind wir noch im Einklang mit den Weisungen 
des Stellvertreters Christt und denen des Bischofs? Daß 
wir auf diese Frage ein bestimmtes „Ja“ sagen können, tröstet 
uns. Für die bedauerliche Erscheinung der Mißachtung der geist— 
lichen Autorität sind wohl diejenigen verantwortlich zu machen, 
die seit Jahren nicht bloß taub waren gegen die Weisungen
	        
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