Full text: Band 2 (2)

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Gräfin Katharina von Ottweiler. 
dann kann ich entschuldigen, wenn Haß und Bitterkeit in ihrem 
Herzen jedes gute Gefühl erstickten. Die Schule des Lebens kam 
zu spät als daß sie vorteilhaft auf sie hätte wirken können. — 
Es war ein doppelt unglücklicher Zeitpunkt; der Krieg wütete, 
wohin man sich wandte; keine Aussicht zu irgend einer günstigen 
Veränderung. — Wir blieben nach dem Tode meines Vaters nur 
noch ganz kurze Zeit in Aschaffenburg und reisten dann nach 
Mannheim zurück, wo Mama das Ende des Krieges abwarten 
wollte, und dann auf die Vollziehung des Testaments meines 
Vaters dringen, bei seinen Nachfolgern. Und diese Vollziehung 
erwartet Mama noch immer und wird sie — ich fürchte es — 
wohl ewig erwarten müssen, denn es sind Fürsten, an die sie sich 
wenden muß. — Der größere Teil des Privatvermögens meiner 
Mutter stand jenseits des Rheines; von da aus war damals 
nichts zu bekommen; wir mußten also sehr eingeschränkt leben. — 
Nun wurde meine Schwester von Bremen zurückgerufen; mit ihr 
auf einen Tag kam' meine Erzieherin in Mannheim an. Ich hatte 
eine große Freude, jetzt teilte ich mich zwischen ihr und meinem 
Louis. Mama sah nach und nach viel Gesellschaft; Luise hatte 
die ihrige; Louis und ich waren den ganzen Tag zusammen, und 
rest und immer fester schloß eines an das andere sich an. 
Ich rücke nun einem Zeitpunkte näher, der mich jetzt noch 
mit Schauder erfüllt, er raubte mir Alles, was ich Liebes hatte; 
laß mich schnell darüber hingehen, denn die Erinnerung ist mir 
u schmerzlich. 
Louis' Gesundheit, die von früher Jugend an sehr schwach 
war, wurde durch eine verkehrte Behandlung des Arztes unter— 
graben; das Bombardement der Stadt, während welches wir uns 
m Keller aufhalten mußten, vollendete seine völlige Entkräftung. 
Im Mai 1796 ward der liebe Engel uns entrissen. Er war 
kaum elf Jahre alt geworden. Acht Tage vor seinem Tode starb 
meine gute, mir unvergeßliche Erzieherin. Von ihrem Totenbette 
schleppte ich mich an das Krankenlager meines geliebten Bruders; 
nun starb auch er, was blieb mir übrig? Glaube mir, Heinrich, 
als Kind von zehn Jahren erfuhr ich, was Verzweiflung sei. 
Mit trockenen Augen stand ich vor Louis' Sarge, küßte still seine
	        
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