Full text: Band 2 (2)

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Gottlieb'sche Chronik. 1798 - 1799 
und wer daran Theil nehmen wollte, mußte sich vom Comman— 
danten ein Billet holen. Nachts war fast die ganze Stadt erleuchtet, 
und wer es nur irgend konnte, setzte nach seinem Vermögen viel 
oder wenig Lichter vor seine Fenster. Die 500 Mann Chasseurs, 
welche zwei Tage zuvor hier angekommen waren, hatten eine schöne 
türkische Musik mitgebracht. Ausserdem waren alle Musikanten 
von hier und aus der Nähe herbeigeholt worden; welches Alles 
sehr auffallend und annehmlich zu hören und zu sehen gewesen ist. 
Im October mußte unser bisheriges Stadtgericht, welches 
von jetzt an „Municipalität“ hieß, der Nation Treu und Glauben 
schwören. Weilen aber Herr Eichacker diesen Schwur nicht ab— 
legen wollte, so wurde er entlassen. Ende Novembers wurden 
auch die beiden andern Gerichtsmänner, Herr Müller und Herr 
Karcher, abgesetzt und der hiesige Kronenwirth Bingert von den 
Franzosen zum Mitglied der Municipalität erwählt. Derselbe 
wird nun in Gemeinschaft mit dem Herrn Präsidenten Röchling, 
welcher schon im Frühjahr von der Nation dazu bestimmt worden, 
unsere Stadtangelegenheiten zu besorgen. Mit Klagsachen haben 
sie aber nichts zu schaffen, die gehören vor den Friedensrichter 
Herrn Reusch; was aber Polizei- und Criminalfälle sind, die 
kommen vor das dazu eingesetzte Tribunal. 
1799. Anno 1799 zu Ausgang des Januars wurde Carl 
Steeg auf den Wunsch vieler Bürger zum Receveur oder 
städtischem Eiunehmer erwählet. Im Uebrigen wurden keine weiteren 
Stadtbeamten ernannt und überhaupt die bisherige Stadtverfassung 
abgeschafft. Gegen Ende Decembers wurden der Präsident Röch— 
ling und Herr Bingert aus ihren Aemtern wieder entlassen und 
an ihrer Stelle Louis Schmidtborn zum Präsidenten, der Bürger 
Freund von Saarbrücken und die Bürger Münzer und Kriechemeyer 
oon St. Johann zu Mitgliedern der Municipalität erwählt. Neuig— 
keiten giebt es eben nicht viel, vielmehr singt jedermann das alte 
Klagelied über schlechten Abgang im Handwerk, über schlechte 
Nahrung und großen Geldmangel, weil alle Lieferungen und Con— 
tributionsgelder außer Landes gebracht und an die französische 
Nation abgeliefert werden, so daß also das Geld hier nicht cir— 
euliren kann. Dieser Geldmangel hat zwar gemacht, daß die
	        
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