Full text: 12.1934 (0012)

Während sich dies alles auf der Stätte der Zerstörung begab, sanken im 
ganzen Saartal die umflorten Fahnen. Die Zeitungen erschienen mit Trauer- 
rand. Sammellisten wurden eröffnet. Dazu liefen beim Bürgermeister von 
Neunkirchen und der Direktion der Hütte unaufhörlich Kundgebungen des Bei- 
leids ein. Sie zeugten vor allem für die brüderliche Verbundenheit des deutschen 
Volkes. Ueber das Land tönte der dumpfe Klang der Glocken und geleitete die 
Toten vom 10. Februar bald in die Gefilde ewigen Friedens. Jn einer Trauer- 
kundgebung, wie sie das Saargebiet noh nicht gesehen, nahm die Bevölkerung 
in erschütternder Weise 
Abschied von ihnen. Zwi- 
schen den alten grauen 
Häusern des Unteren 
Marktes versammelten 
sich die Massen um die 
schwarzverhängten Toten- 
wagen, während, wie von 
Geisterhand gezogen, 
graues Gewölk am Fir- 
mament heraufzog und 
die Sonne in bleichen 
Nebeln versank. Auf der 
Freitreppe des Karl-Fer- 
dinand-Hauses empfing 
Gräfin Sierstorpff den 
Vizekanzler des Reiches 
und den Reichsarbeits- 
minister, die Vertreter der 
Behörden, die Führer 
der Wirtschaft, Männer, die irgendwie mit dem grausigen Geschehen und der 
geprüften Stadt verbunden waren. Um drei Uhr erklang von der Christuskirche 
ein friedlicher Choral. Feiner Regen rieselte hernieder und verstärkte mit 
kaltem Hauch das Gefühl unendlicher Trauer. In den Straßen der Stadt harrten 
Tausende und Abertausende. Sie lauschten den Gesängen des Traueraktes, von 
elektrischen Wellen bis in alle Winkel getragen, und den tröstiichen Worten, 
die D. Stoltenhoff, dex Generalsuperintendent, und Weihbischof Mönc< zu den 
Massen sprechen. „Gott sucht auch die Seelen, wenn er sie durch Trübsal 
führt . . .“, verhieß der Koblenzer Kirchenführer und „Credo in vitam aeternam“ 
bekannte der Kirchenfürst von Trier. 
Dann sette sich der endlose Trauerzug in Bewegung. Längst hat die Spike 
mit der Feuerwehrkapelle den Unteren Markt verlassen, längst haben sich ihr 
die riesigen Kolonnen der in den Seitenstraßen wartenden Vereine angeschlossen, 
als si< die Totenwagen mit den Leidtragenden und Trauergnsten um die 
Christuskirh<e bewegen. Und nun schreiten zwanzigtausend Mensc<hen durc diese 
schmale Straße, die sich erst in steilem Anstieg, dann in steilem Gefäll zum 
Friedhof zieht. Zwanzigtausend Menschen in schwarz, mit Musik und Fahnen, 
Menschen in Uniform und Müße. Dazwischen das Heer der evangelischen und 
Kathösischen Geistlihen, die wehenden Federbüsche der Hüttenknappen, die 
Fackeln und Lampen . . 
Feuerwehrleute und Sanitäter in endlosen Reihen tragen die Kränze. An 
der Spitze den Kranz Hindenburgs aus roten Rosen und weißen Nelken. Dann 
Kränze der Ietisehen Regierungen, der Landesbehörden, der saarländischen 
Werke, der Familie Stumm, der Vereine und Verbände . . . Kränze in herr- 
lichem Blumenflor, ein letzter Gruß der Lebenden an die Toten. 
60 Särge barg man in die Erde. Fackeln und sc<warzumflorte Lampen 
umsäumten das Grab, das Chorgesang und Gebete dem Ewigen weihten . . 
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