Full text: 9.1931 (0009)

Saarpfälziſq;e Humoriſtika. 
Von Emil Kiefer. 
Das Humoriſtiſche unſerer Gegend erhält ſeinen Effekt zumeiſt durhg den Dialekt, 
er iſt aber die Sprache des Volkes und ſeines Herzens, worin aller ehte Humor um- 
ſchloſſen bleibt. 
In der Saarpfalz liegt eine Stadt, von der, wie ich glaube, ſhon Auguſt Becker 
geſchrieben hat: ihr Klima iſt rauh, aber nicht ungeſund. Weil alle Pfalz- 
führer dasſelbe verſichern, wird's wohl wahr ſein, wenn auch zeitweilig ein ungläubiger 
Thomas daran zweifelt und das Gegenteil behauptet. Der alte Werkspenſionär Daviv 
bummeit durc die Stadt, in ſeiner Hoſentaſche die allzubeſcheidene Monatspenſion. Er 
beſchließt; einen Teil davon in „Viertelhen“ anzulegen, um ſeinen inneren Menſc<hen 
etwas aufzuwärmen und zu ermuntern. In allen Kneipen, die er aufſucht, wird eifrig 
ein Zeitungsartikel beſprochen über das ſchöne und geſunde Klima des Ortes. Zum Schluß 
(andet die durſtige Seele in einem Reſtaurant, wo die Debatte über das Klima bereits 
zu einem heftigen Disput geführt hat. Hier findet die Rundreiſe ihr Ende. Mit einem 
„Oupp, jetzt langt's“ ſchießt er ſternhagelvoll zur Tür hinaus und ſegelt auch ſchon im 
Zickzam um die Eke. Die „Viertelcher“ zerrten mit einem ſteifen Nordoſt den alten 
David, den einſtigen ſtolzen Gardemann, hin und her, bis er, is unſicher mit den 
Händen von Haus zu Haus taſtend, auf einer breit ausladenden ſteinernen Haustreppe 
einſchläſt. Als der Tag graut und eine Frau die Klappläden hart wider die Wand patſchen 
läßt, findet ſih auch Vetter David wieder auf dieſer Welt zurecht. Er zittert vor Kälte 
und ſeinzm lückenhaften Zahngehege entſpringt das unmutvolle Wort: „Klima?“! Das 
do is iwwerhaupt ken Klima!“ 
Der Ausflug. Wenn die Sonne durch die Buchenbreiten flimmert, zwiſchen Ienen 
kleine Tannengruppen einen maleriſchen Kontraſt bilden, geht es in den Waldgarten, 
Beſondere Vorliebe hierfür zeigte eine Geſellſchaft, die ſich „Harmonie“ nannte. Man 3og 
nach Krummelshütte. Muſik voran, ſie ſpielt „Ein Jäger in dem grünen Wald“, Piſton 
bis Eskornett und Tuba wecken ein rauſchend E<ho in dem ſtillen Revier. Ein Mitglied 
fehlt, ſein rechneriſ<es Amt hält ihn nod einige Zeit feſt, dann aber eilt er den Freunden 
nac<h. Ihm entgegen kommt ein Urbild des Kaſpar im „Freiſchütz“, die ſteife Feder am 
Hut und den ſchwarzen Kinnbart kurz geſtußt. „Do owe gehn ſe,“ ſagt der Schüßen- 
midhel, „an der Hohl ſinn ſe mer begehnt.“ „Die Harmonie?“ Ein Kopfnicken, ein Augen- 
zwinkern und: „Es iſch nit lauter Harmonie, es iſch aa viel Blech debei!“ 
Eheliche Wertſchätzung. In der Stadt mit dem geſunden Klima herrſchte von jeher 
und nod) heute eine vorbildliche Geſelligkeit, die viele Fremde anzuziehen wußte. Auch 
Ausländer fühlten ſi< hier wohl, blieben längere Zeit und ſind bei dem freundlichen 
Entgegenkommen der Bevölkerung zum Teil ſogar ſeßhaft geworden. So waren auch 
zwei Italiener, die ſich als Zinngießer ausgaben, durch ihr drolliges Weſen gern geſehen. 
Das „Kadderin<he“ 30og von Haus zu Haus und bot ſpitze Meſſer mit feſtſtehendem Griffe 
an, die gerne zum Kartoffelſchälen benutzt wurden und noh heute „Kadderin<e“ genannt 
werden. Sein Kollege weilte mehrere Jahre in der Saarpfalz, ohne je Verlangen zu 
äußern nach ſeiner Signora, die er jenſeits der Alpen gelaſſen hatte. Als ihn nun 
Kadderin<he über dieſe Vergeßlichkeit interpellierte und ihn aufforderte, die Frau nach- 
kommen zu laſſen, ſagte der getadelte Italiano in unſerem unverfälſchten Dialekt: „Ah, 
ſie is de Fracht nit wert!“ 
Ein fauler Kunde. Ein Mitbürger in beſcheidenen Verhältniſſen kam auf den Einfall, 
eine Hühnerzucht zu betreiben. Er ſagte zu ſeinem Herzen: „Friſche Eier ſind geſund 
und von Zeit zu Zeit eſſe ih auch gerne Hahnenbraten.“ Ein paar alte Bretter beſaß 
er noch, die er unverweilt als Hühnerhaus zuſammennagelte. Es fehlte nur ein Zaun 
um den Hof. Den gibt's zu kaufen, ſagte ſich der gute Mann. Er ging zum Kaufmann 
und holte ſich das nötige Drahtgeflecht =- auf Pump. Die ſchnell beſchafften Hühner waren 
recht brav, jedesmal, wenn er ein Ei aus dem Neſte holte, freute er ſich über ſein ertrag- 
reiches Unternehmen und war ſehr zufrieden. Weniger war dies der Eiſenhändler. In 
ſeinem Kundenbuch hatte der Hühnerfreund bereits mehrere rote Striche. Die fleißigen 
Hennen hatten inzwiſchen Küken ausgebrütet, die ſelbſt ſ<on über die Kunſt unermüd- 
lichen Eierlegens nachdachten. So war es allmählich höchſte beit zu einer dringenden 
Mahnung an den ſäumigen Zahler, damit die mäht: nicht verjährte. Das war ein Schlag 
ins Hinkelhaus. Wütend ſprang der Hähneroaier auf und rannte zu ' dem Kaufmann, 
den er mit folgender Anſprache überraſchte: „Du ſchlechter Kerl, wie kannſc<t du ſo frech 
ſinn un me ehrliche Bürger e Rechnung ſchike? I<h hann zwar nit im Sinn 
gehat, ebbes ze bezahle, awwer jeße Krieſcht de garnix!“ Sprach's, 
ging durch die Ladentüre ab und ward ni<t mehr geſehn. 
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