Full text: 9.1931 (0009)

Der Sronleichnamsaltar. 
Nach einer wahren Begebenheit erzählt von G. Klein. 
Wuſtenbach war erſt vor kurzem dur<h biſchöfliches Dekret von der großen Pfarrei 
Allingen abgetrennt und unter gleichzeitiger Beſtellung eines Vikars zu einer eigenen, 
ſelbſtändigen Pfarrei erhoben worden. Dies geſchah einige Wochen vor Oſtern; die 
Bläubigen der neuen Pfarrei hatten daher viel Mühe, zum Oſterfeſt den bisherigen Bet- 
ſaal auszuſ<mücen, damit das hohe Feſt auc< würdig gefeiert werden konnte. Hell und 
klar rief bald ein neu angeſchafftes Glöcklein die Gläubigen zu frommem Gebet und 
innerer Einkehr. Die Gemeinde ſorgte ſich, der Kirhe und des unbeſoldeten Vikars 
Nöte nach beſten Kräften zu meiſtern. Jeden Monat konnte von den eingeſammelten 
Geldern irgend etwas Neues für das Kleine Gotteshaus angeſchafft werden. Es war 
auc< notwendig, denn die hohen kirchlichen Feſte folgten einander in kurzem Abſtand. 
Kaum waren die frohen Choräle des „Chriſt iſt erſtanden“ verklungen, als man auch 
ſ<on für Himmelfahrt und Pfingſten rüſten mußte. 
Edle Begeiſterung ließ die Gläubigen wetteifern in Stiftungen und Geſchenken. 
Selbſt jeder arme Bergmann, der mit ſich und den Seinen genug zu tun hatte und ſehr 
ſparen mußte, warf des Sonntags ſein Scherflein in 'den Klingelbeutel. Nur durc ſolche 
Opferfreudigkeit konnten Kirche, Pfarre und Vikar beſtehen. Der Seelſorger fühlte ſich 
wiederholt verpflichtet, in warmen Worten all denen zu danken, die ſo viel Gutes unter 
perſönlichen Opfern getan hatten. 
Die Zeit enteilte, und immer näher rückte das ſchönſte Feſt der Gemeinde, das 
Fronleichnamsfeſt. Hier konnte doh jeder in aller Oeffentlichkeit zeigen, was Kirche und 
Pfarre ihm zu danken, wie viel er für das Schmücken ſeines Hauſes hatte auswerfen 
können. So ſetzte auch hier edler Eifer ein. 
Die Reichſten im Dorf waren der Müller Huſſong, deſſen Ehefrau Babette eigentlich 
das Haupt des Geſchäftes war, und der Großbauer: Wißler. Von beiden erwartete man 
zum Fronleichnamsfeſt etwas ganz beſonderes. Man war noh um einen Traghimmel 
verlegen; es fehlten aber auc< noh einige Straßenaltäre, auf denen das Allerheiligſte 
ruhen konnte, und von denen aus den Gläubigen und dem ganzen Dorf der Segen 
Bottes geſpendet werden ſollte. 
Des Müllers Huſſong Babetthen hatte helle Ohren, einen ſcharfen Verſtand und einen 
ſicheren Blick fürs Zupacken. Pfingſten kam Babett<hens Schweſter von Dirmelingen 
zu Beſu<ß. Nachdem man dem Feſtbraten zugeſprochen hatte, kamen die beiden über 
allerhand Dinge ins Geſpräch, was ſich zwiſchen Wuſtenbach und Dirmelingen in der 
Zwiſchenzeit zugetragen hatte. Und ſo erzählte des Müllers Babette ihrer Schweſter 
auch von ihren Nöten, daß ihr gerade für Fronleihnam noh größere Auslagen bevor- 
ſtänden. Sie müßten unbedingt zu dieſem hohen Feſte etwas ſtiften und ſo hätten ihr 
Mann und ſie ſich entſchloſſen, einen Straßenaltar zu kaufen. Ein neuer Altar, der 
ſchön ausſehen ſolle, ſei ja zwar ſehr teuer, aber dieſe Ausgabe ſei man ſchon ſeiner 
Ehre und ſeinem 'Anſehen im Dorf ſchuldig. „Das macht ſich ja großartig,“ meint das 
Greten. . „Hör' zu,“ was ich dir ſage, „kurz vor Pfingſten habe iH im Haushalt des 
Dirmelinger Paſtors ausgeholfen und hörte zufällig dort, daß ein Fronleichnamsaltar 
überzählig ſei. Geh" hin, den kriegſt du beſtimmt ſehr billig, und wenn dir dann der 
Malerſhor<h den Altar etwas neu herrichtet, ſo tut er für eure kleine Pfarrei noh gute 
Dienſte.“ Geſagt, getan. Am Dienstag nach Pfingſten pilgert Babette in aller Frühe 
zu Fuß nach Dirmelingen und ſpricht im Pfarrhaus vor. ' Der Pfarrer ſchläft noch zu ſo 
früher Stunde, aber ſeine Köchin erklärt auf Babettes Frage, daß ein Altar zu ver- 
kaufen ſei. „I< geh den Wagen holen,“ ſagt Babette, „komme heute vormittag noh 
vorbei und lade den Altar auf.“ 
Inzwiſchen hatte der Wißlerbauer aber auch von dem verkäuflichen Altar Kenntnis 
erhalten. Sein Schwager, Mitglied im Dirmelinger Kirhen<hor, hatte ihm davon erzählt. 
Er dachte dur<h den Kauf des Altars billig zu einem Prunkſtück zu kommen, weil er 
do< nun einmal etwas ſtiften mußte. 
Dienstag nach Pfingſten ſpannte er ſeine beiden Braunen ein und fuhr gen Dirme- 
lingen. Wie erſtaunt war er aber, als ihm auf halbem Weg, von Dirmelingen kommend, 
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