Volltext: 9.1931 (0009)

Gerne höre ich auch in der Eiſenbahn zu, wenn von Politik die Rede iſt . . . weil ich 
davon nichts verſtehe . . . Von Remarque bis zur hohen Politik iſt es nur ein Schritt ... 
Alſo . . . Der eine ſagte in das Geratter des Zuges hinein mit begeiſterter Stimme . .. 
es ſei doh ein Glück, daß die Völker die Abſicht hätten, dem unſeligen Kriegsgedanken 
den Todesſtoß zu verſetzen. Das wolle ja auch Remarque . . . er wolle die Wurzel pflanzen 
zur Völkerverſöhnung uſw. uſw. Der andere wuchtete mit geſchwollenem Enten 
dazwiſchen . . . Quatſch ſei das . . . Völkerverſöhnung!! Solange Völker beſtünden, 
würden ſie ſich bekämpfen . . . Sei auh richtig . . . Solange es Sieger und Beſiegte 
gäbe . . . lebe der Rachegedanke in jedem rechtſchaffenen Herzen . . . Und wenn es nach 
ihm ginge . . . morgen ginge er wieder mit. (Hatte ſicher eine Kantine.) Wenn ſc<on, 
donn Komp ir aufs Meſſer. „Nö . . . Nö“, ſchloß er, „dafür bin ih denn do zu 
ehr Pazifiſt.“ 
! Ic<h habe erneut feſtgeſtellt, daß ich von Politik wirklich nichts verſtehe . . . von 
Pazifizierung aber ſchon rein gar nichts. 
NeujahrSswunſc<) aus Saarbrücken 1774. 
Von Heinrich Leopold Wagner, 
mitgeteilt von Prof. Dr. Kloevekorn. 
Auf Verwendung und Empfehlung des 
Regierungsrats Chriſtian Gottlieb S<öll 
war Goethes Straßburger Studienfreund 
Heinrich Leopold Wagner, der ſich ſchon 
mehrfach dichteriſch betätigt hatte, in das 
Haus des Präſidenten von Günderode nach 
Saarbrücken gekommen und hatte von 
dieſem die Stelle als Hauslehrer für ſeine 
Kinder erhalten. Wagner trat hier auch in 
Beziehungen zum Saarbrücker Hof, an 
deſſen Spie damals Saarbrückens letter 
Fürſt Ludwig ſtand. Nun war es in Saar- 
brücken wie an vielen kleinen Höfen jener 
Zeit üblich, daß bei allen möglichen Ge- 
legenheiten, bei Sodzeiten, Geburten, 
Taufen, Namenstagen, Neujahrstagen uſw. 
Einzelperſonen wie auc< Körperſchaften 
ſ<hmeichleriſ<e und kKriedheriſ<e Gedichte 
gedruckt am Hofe überreichten. Gegen dieſe 
poetiſch meiſt ve<ht minderwertigen Elabo- 
rate empörte ſich Wagners dichteriſcher und 
grader, aufrechter Sinn, und er ließ durch 
ſeine beiden Schüler, die Kinder des Präſi- 
denten, dem Erbprinzen Heinrich eine 
Fabel „Der Fuchs als Gratulant“ 
überreichen, worin er dieſe Schmeideleien 
in poetiſcher Form köſtlich ironiſierte. Am 
Neujahrstage 1774 griff H. L. Wagner 
wiederum zur Feder und machte ſich wieder 
luſtig über die phraſenhaften, inhaltloſen 
und unwahren üblichen Glückwünſche und 
faßte dann ſeine Wünſche, die auf eine 
Beſſerung der Menſchheit abzielten, in ein 
Gedicht zuſammen. 
- Aus dieſem, etwas lang geratenen Neu- 
jahrswunſch hier einige Strophen, Blüten 
des Poems. 
Vom lügneriſchen Charlatan 
Bis auf den frommen Gottesmann, 
Der am Altar auf jedes Laſter flucht, 
Das unverzollt ſich einzuſchleichen ſucht, 
Wünſcht heute, was nur wünſchen kann. 
Nicht gerade zartfühlend, ſogar überaus 
kühn, iſt der Paſſus, der dem durch 
Schmeichler verwöhnten Landesherrn übel 
in den Ohren geklungen haben muß. 
Dem praſſeriſchen Landesherrn, 
Der Geißel ſeines Volks, den jeder 
Bürger gern 
Im Notfall mit dem Großſultan ver- 
tauſchte, 
Den jeder Patriot am liebſten da be- 
lauſchte, 
Wo, wie ihr aus dem Dante wißt, 
Papſt Anaſtas für ſeine Sünden büßt, 
Dem wünſchet heute Stadt und Land und 
jedermann 
Do<hH mit den Lippen nur ein neues 
Leben an. 
Kurz, von idem Bauern bis zum Edel- 
mann, 
Vom Schultheiß bis zum alten Staats- 
miniſter, 
Vom Erzbiſchof bis zum kleinſten Küſter, 
Stimmt alles, was nur ſtammeln kann, 
Heut einen Glückwunſch an. 
Zum Schluß läßt der Dichter ſeine Muſe 
reden: 
Drum wünſch auß Du zum neuen Jahr 
Uns allen, was bisher noh war, 
Ja unbekannt wohl gar 
In dem verfloſſ'nen Jahre war: 
Den Fürſten Fried und Einigkeit, 
Den Staatsbeamten Redlichkeit, 
Den Pächtern etwas Menſchliqueit, 
Den harten Prieſtern Fühlbavkeit, 
Den Richtern Fleiß und Billigkeit 
Und weniger Parteilichkeit, 
Den Advokaten mehr Gewiſſenhaftigkeit, 
Den Aerzten ein Syſtem, das keinen 
Tadler ſcheut, 
Den Philoſophen Gründlichkeit, 
Den Schönen minder Eitelkeit, 
Dem Alter mehr Gelaſſenheit, 
Der Jugend mehr Gefälligkeit, | 
Kommt dieſer treue Wunſch in ſeine 
Wirklichkeit, 
So nlühet uns aufs neu 'die alte gold'ne 
eit.
	        

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