Full text: 8.1930 (0008)

Saarkalender für das Jahr 1930 
dr 
Die Ausländer im Saargebiet 
Das „Carnet d'Adresse“ (Adreßbuch), herausgegeben von der franzöſiſchen Bergwerks- 
direktion, erlaubt einen intereſſanten Einblick in den Umfang der ausländiſchen Invaſion. 
Der Teil der Namen iſt in ſieben Abteilungen gegliedert: Saarregierung, Obergericht 
Saarlouis, Militär, Zoll, Bergwerksdirektion, Induſtrie, Handel, Banken, Kultus uſw. 
Die Saarregierung weiſt überwiegend Franzoſen auf. Das Obergericht Saarlouis 
iſt international zuſammengeſetzt. Von der Bahnſ<ußtruppe ſind nur Offiziere und 
Beamie auſgeführt, Franzoſen und Belgier. Die Engländer legen anſcheinend keinen Wert 
darauf, in dieſem Buch vertreten zu ſein. 
Die Saarregierung erſcheint mit 72 franzöſiſchen Namen, davon wohnen 61 im Saar- 
gebiet, die übrigen in Elſaß-Lothringen. Obergericht Saarlouis 13, Militär 31, Zoll 122, 
Bergwerksvdirektion (nur Saargebiet) 826, Induſtrie uſw. 189, Kultus (Geiſtliche) 6. In 
Summa 1248, gegen 1400 (ohne Militär) vor drei Jahren. Zu dieſen 1248 
muß man, um die vollſtändigen Zahlen zu erhalten, noh die rund 600 Mann Bahnſchuß- 
truppen zählen, die in Saarbrücken, Sulzbach und Neunkirchen garniſoniert ſind. Das 
wären dann insgeſamt 1848. 
Für die größeren Saarortſchaften ergeben ſich folgende Zahlen: Saarbrücken ins- 
geſamt 1240: (in dieſer Zahl ſtecken die 600 Bahnſchüßer, einſc<l. Sulzbach und Neun- 
kirchen). Die Ortſchaften von Brebah bis Hanweiler weiſen 32 Namen auf, Dud- 
weiler 22 Bergfranzofen, Sul z3bad deren 48, 3 Militärs, Landsweiler-Reden- 
Heiligenwald 25, Neunkirden 49, einſchl. 2 Militärs, 1 Kultus, St. Wendel 
10, meiſtens Zöllner, St. Ingbert 22 aus Jnduſtrie und Bergwerk, Ho mburg 27, 
vorwiegend Zöllner, Luiſenthal-Rockershauſen 29 Bergfranzoſen, Völk- 
lingen mit Hoſtenbac<h 8 Bergfranzoſen, Saarlouis-Fraulautern- 
Beaumarais 27 von faſt allen Kategorien, 11 Obergericht, Dillingen und Um- 
gegend von Bergamt und Induſtrie 27, Merzig 9 Zöllner, Mettlad, Zoll und Berg- 
amt 7, Wallerfangen (Vaudrevange) 2 Mitglieder der franzöſiſchen Handelskammer, 
Fürſtenhauſen-Velſen-Fenne 16 Bergamt und 11 auf Glashütte. 
Ein erheblicher Prozentſaß der Saarfranzoſen wohnt im benachbarten Elſaß- 
Lothringen und noch darüber hinaus. In Saargemünd wohnen 51, davon ſind 
tätig bei Saarregierung 4, Zoll 1, bei der Bergwerksdirektion 46, Forbach entſendet 
138; Saarregierung 5, Bergwerksdirektion 118, Induſtrie uſw. 15, aus dem übrigen 
Lothringen und Frankreich kommen 113: Saarregierung 2, Bergwerksdirektion 97, Jn- 
duſtcie uſw. 14. 
Offenbar ſtecken in dieſen Zahlen nur die ſog. Prominenten. Das Proletariat und 
die vorübergehenden Geſchäftemacher dürften wohl kaum aufgeführt ſein. Auch die wenigen 
ehemaligen Deutſchen, welche die franzöſiſche Nationalität erworben haben, dürften kaum 
Aufnahme gefunden haben. Sonſt müßten die mit ſo großem Aufwand betriebenen Natu- 
raliſationen mehr in die Erſcheinung getreten ſein. Selbſt die Grube Velſen, welche 
bekanntlich ein Sammelplat der Frankophilen und Naturaliſationslüſternen ſein ſoll, 
weiſt mit ihren 16 Franzoſen einen normalen Stand gegenüber andeven Gruben auf. Oder 
ſind die Neufranzoſen noh nicht würdig, in das Adreßheft aufgenommen zu werden? 
Während alle ſaardeutſchen Orte mit ihren deutſchen Namen aufgeführt ſind, erſcheint 
der genau ſo deutſche Ort Wallerfangen als Vaudrevange, wohl eine Konzeſſion an die 
beiden dort wohnenden Mitglieder der franzöſiſc<h-ſaarländiſc<hen Handelkammexr Fabvier. 
Auffallend groß iſt die Zahl der franzöſiſchen Lehrperſonen mit 121, darunter Männ» 
lein, Weiblein, beſonders katholiſchen Schweſtern. Zu dieſen wäre dann noch das deutſche 
Perſonal zu zählen. Rette, was retten mag! 
Allgemein betrachtet geben die Zahlen einen Anreiz, über die Probleme Woh- 
nungsnot und Arbeitsloſigkeit nachzudenken. 
Man erſicht, daß wir es noh immer mit einer ſtarken weſtlihen Invaſion zu tun 
haben, di» ſic<, abgeſehen von Frankenbecker und Konſorten, ziemlich klein hält, wohl aus 
vem Gefühl heraus, eine faule Sache zu vertreten. 
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