Full text: 8.1930 (0008)

Saarkalender für das Jahr 1930 
Bergmannslos! 
Erinnerungen eines alten Saarknappen 
von G. Klein, Merchweiler. 
Wir ſien im Kohlrenrevier, und doh kennen nur wenige die ſchwere Arbeit des Berg- 
manns. Stündlich umlauern ihn tauſend Gefahren, ein Erdbruch, ein Bergrutſch, ein 
Stempelknicken, ſchlagende Wetter, alles das ſind dem Bergmann unheimliche Bekannte. 
Stets ſteht Freund Hein, das Knochengerüſt, als Zuſchauer bei der Arbeit. Froher Sinn, 
friſc<es Wagen und harte Pflicht helfen dem Bergmann, den Gefahren zu troen. Nicht 
zuleßzt das ſtarke Gottvertrauen iſt es, das ihm immer wieder Mut und neue Hoffnung 
gibt, nach vollbrachter Schicht das Licht der Erde glücklich wiederzuſehen. Beſonders die 
Alten, heute grauen Kämpen im Dienſt der Arbeit, aber auch ein guter Teil der Jungen, 
haben in ihrem gefährlichen Beruf man<hmal dem Tod unerſchrocken ins bleiche Antlitß 
geſehen. „Für wens beſtimmt, den triffts“, iſt ein alter Bergmannsſpruch. 
Es kommt nicht oft vor, daß ein im Berufe ergrauter Bergmann ſein Innerſtes x reisgibt. 
Das ziemt ihm nicht, er liebt es nicht, das klingt ihm ſo nah Selbſtüberhebung, nach 
Prahlertum. Dafür iſt die ehrliche gerade Natur des Knappen nicht geſchaffen. Wenn aber 
durch irgend ein Erlebnis oder zufällig im Laufe der Unterhaltung die Erinnerung wach- 
gerufen wird, dann iſt es möglich, daß der ſonſt harte Mann weich wird und einen Blick 
tun läßt in ſein Innerſtes. Man empfindet ſofort, daß tiefer Lebensernſt, Gottvertrauen, 
viel frommer Sinn in dem Herzen unter dem blauen Kittel wohnt. 
Wir ſien zuſammen im Abendſchein. Blutrot ſinkt der feurige Sonnenball am 
Horizont. In dem großen Nußbaum ſingt leis der Abendwind. Darunter ſteht die birken- 
gezimmerte Ruhebank. Weit geht der Blick ins abendliche Land. Da beginnt der alte 
Knappe ganz unvermittelt aus ſeinem ſorgenvollen, gefahrenreichen Leben zu erzählen. 
„Der Tag war ſchon hart geweſen“, hob er an. „Der Acker will beſtellt ſein, wenn 
die Zeit dazu iſt. IH hatte Nachtſchicht. Damals in früheren Jahren kannte der Bergmann 
keine Eiſenbahn, die ihn zur Arbeit brachte. Der Weg zur Grube wurde zu Fuß zurück- 
gelegt, -weil die Koſten für die Bahnfahrt geſpart werden mußten. Es war um die Abend- 
zeit wie eben jetzt, als ih meinen Grubenſtecken ergriff, mein Kleiderbündel ſchulterte 
und durch den Wald nach der Grube ging. Ich traf an dieſem Abend keinen Kameraden. 
Vielleiht war ich etwas zu früh fortgegangen. Die Sänger im düſteren Tannenwald 
waren nod nicht alle zur Ruhe gegangen, irgendwie im hohen Tann ſang eine Amſel 
ihr leßtes Lied, eine Nachtigall, die man damals noch häufiger hörte wie heut, fiel ein. 
Die lezten Sonnenſtrahlen erhellten in dünnen Lichtern ab und zu den dunklen Weg. 
So ging ich, in Gedanken verſunken, durch die abendliche Stille. Plötzlich ſtockte der Fuß. 
Ein Lichtſtrahl läßt irgend einen Metallgegenſtand auf dem dunkeln Fußweg aufblitzen. 
34 hebe es auf und ſtelle feſt, daß es ein Stück eines Roſfenkranzes iſt mit dem daran 
hängenden kleinen Kreuz. Schon in der Jugend wurde ich belehrt, daß man derartige 
geweihte Stücke nicht verunehren ſoll, um dem vorzubeugen, ſteckte iH das kleine Stück 
in meinen blauen leinenen Kittel. Ein kurzes Gebet vor der Einfahrt und mit einem 
herzlichen „Glück auf“ der Zurückbleibenden ſank der Förderkorb in die grauſige Tiefe. 
Wir arbeiteten vor einem ſchweren Stoß, wo die Kohle ſehr ſtark mit Felſen durchſetzt 
war. Der Zugang zur Arbeit war ſtellenweiſe nur ſo hoch, daß ein beladener Wagen 
gerade durchfahren konnte. Meine Aufgabe war es, die Kohle unter einem ſtark über- 
hängenden Felſen herauszuſchrämen. Da die Verhältniſſe ſehr ungünſtig und die Arbeit 
außerordentlich niedrig war, konnte dies nur in liegender Stellung geſchehen. Die Kamera- 
den von der Mittagſchiht hatten die Kohle dur< Sprengungen ſoweit aufgelockert, daß 
die Arbeit eigentlich nicht beſonders ſchwierig war. Lediglich das Schaffen in liegender 
Stellung machte außerordentlich müde. Der Schein der Grubenlampe verbreitete nur ganz 
ſpärliches und dämmeriges Licht. Unentwegt fuhr die Spitzhacke in das lockere Geſtein. 
Große, feſte Brocken kollerten heraus. Schon hatte ich einen größeren Teil der Kohle 
herausgeſchrämt. Jmmer weiter mußte ich unter die überhängende Felsplatte kriechen, 
"us
	        

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