Full text: 7.1929 (0007)

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Saarkalender für das Jahr 1929 
Napoleons |I]. Aufruf zum Kampf gegen Deutschland. 
Der Kampf gegen die deutsche Sprache in den ehemaligen Reichslanden lenkt wieder 
die Aufmerksamkeit auf unsere Nachbarn, zu denen allerdings die Saarländer von jeher 
kein sonderlich freundliches Verhältnis bekundeten. Auch heute stehen wir der dortigen 
Entwicklung völlig unparteiisch, kühl bis ans Herz, gegenüber, wollen aber auch dagegen 
die Tatsache vermerken, daß weder Elsässer noch Lothringer sich irgendwie zur deutschen 
Republik hingezogen fühlen. Festzulegen bleibt jedoch dagegen auch, daß die Volks- 
limmung der französischen Herrſchaft aus innerpolitiſchen Gründen heute mehr wie je 
abhold iſt. 
Das Land iſt zwischen zwei großen Nationen hin- und hergeriſſen worden; es hat 
sein alemanniſches Stammesgefühl verloren und besitzt in seiner Gesamtheit kein 
„Nationalbewußtsein“. Das ist die Wahrheit ohne Illuſion, ohne Schmeichelei oder Uebel- 
wollen. Schon Napoleon I. war kein Freund der ſtets eigenwilligen Genossen des „Hans 
vom Schnokeloch“ und taufte sie wenig freundlich têtes carrées, auf gut Deutsch etwa 
„Dickſchädel“. Und an dieser Sonderart werden auch jetzt alle französischen kulturellen 
und politiſchen Gewaltverſuche der Assimilierung ſcheitern. 
Die „durch Zwang verdeutſchte franzöſiſche Provinz“ wollten die Franzosen im Hand- 
umdrehen nicht allein äußerlich welſch anpinseln, die Herzen sollten zugleich mit dem 
Anschein freiwilliger Begeiſterung die Trikolore um f schlingen und in vollem Drei- 
klang den üblen Sang von der liberté, égalité und kraternité erklingen lassen. Nichts 
einfacher ~ so urteilte man = als diese Wandlung! Zehntausende deutscher Nationalität 
wurden vertrieben, Militärgerichte ersetzten die richterlichen Beamten, 1500 französische 
Lehrer erschienen, von einem Tage zum andern gedachte man, die deutsche Sprache aus 
dem Schulunterrichte verſchwinden zu lassen. Die mit Chauvins besetzten Triage- 
Kommissionen sollten dazu unter den Erwachsenen Unkraut und Weizen sondern, die 
Stellung der Kirche Laiengesetze regeln uſw., da flammte aber, bisher unter ſchwerem 
Druck gehalten, die Forderung der Volks- und Heimatrechte auf und fand im ganzen 
Land einen ungeahnten Widerhall. Der Gegensſtoß von Staat und Presse wird fich 
machtlos erweiſen. Man wird niemals mit polizeilichen, gerichtlichen und administrativen 
Maßnahmen einen Geiſt einfangen, der in einem geſunden Volkstum lebt. 
Vor allem gilt es noch heute, die deutſche Sprache in den ehemaligen Reichslanden 
mit Stumpf und Stiel auszurotten. Das ,Ditsch“ gehört aber zur heimatlichen Sonder- 
arl, und weder Ueberredung noch Gewalt wird es gelingen, der Muttersprache von 
80 Prozent der Bewohner den Garaus zu machen. Alle Rücksichtsloſigkeiten gegen den 
alemannischen Volkscharakter werden ſsich hier bitter rächen. 
Heute soll die deutsche Sprache durchaus ein Fremdkörper in Elsaß-Lothringen sein; 
einſt, unter Napoleon UI., als es galt, die heute verächtlich demiboches betitelten zum 
Kampfe aufzurufen, wandte man ſsich an sie in der ihnen allein verſtändlichen deutschen 
Sprache. Dem ,Saarkalender“ wurde von seinen Leſern im Elsaß ein heute kaum noch 
anzutreffendes Dokument überliefert, das 1870 beim Ausbruch des Krieges überall in 
Elſaß-Lothringen selbſt auf den kleinsten Dörfern an jeder Mairie zu lesen war. Das 
hier in verkleinertem Faksimile wiedergegebene Schriftſtück hat in Wirklichkeit die 
Größe von 47 : 65 cm, also rein äußerlich einen reſpektablen Umfang. Auch hier ſpielt 
Frankreich wieder, wie heute, das unschuldige Lamm, ,pversöhnlichste Gesinnung, guten 
Willen, Langmuth“ rühmt es von ſich. Die Deutschen dagegen sind höhniſch, reizen die 
Unschuld uſw. Frankreichs Bemühen zu allen Zeiten, Deutschland in einem zerrissenen 
ohnmächtigen Staatengebilde zu erhalten, zwang auch Napoleon III. zum Kriege. Die 
Franzoſen erſtrebten und erstreben für ihre Raubzüge ein wehrlofes Deutschland. Die 
Geschichte lehrt es, 1634, 1681, 1756, 1793, 1805-1815, 1870071, 1914-19? ?, sind Jahre 
von unwiderlegbarer Zeugniskraft. Nichtsdestoweniger heißt es in der Proklamation: 
„Wir bekriegen Deutſchland nicht, wir achten seine Unabhängigkeit. Unser sehnlichster 
Wunſch geht dahin, daß die Völker, welche die große germanische Nationalität bilden, 
srei über ihr Schicksal verfügen.“ Und dann tritt hier zum ersten Male der französische 
Sicherheitsſchwindel auf: „Wir verlangen Begründung einer Lage, die uns ſsicherſtellt und 
eine ruhige Zukunft verspricht, einen dauerhaften Frieden, einen auf die wahren Inter- 
eſſen der Völker gegründeten Frieden.“ Hier reicht verſtändnisinnig dem Geiſte Napoleons 
der Machthaber Poincaré die Hand, dem es mit Hilfe der halben Welt gelang, das Jahr- 
hunderte alte Teſtament zu vollstrecken. 
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