Full text: 7.1929 (0007)

Saarkalender für das Iahr 1929 
Ein Streiflicht 
aus der Zeit des Saargebiets unter Napoleon |. 
Zu nebensſtehendem Fatsimiledruck. 
Napoleons Macht stand am 20 Mesſsidor des Jahres der französſiſchen Republik 13 
(8. Juli 1806) in höchſter Blüte. Es waren böse Tage einer Gewaltherrsſchaft für die 
armen Urgroßväter des Saarlandes. Der Imperator brauchte Soldaten und rücksichtslos 
holte er auch die Deutschen heran, die unter seiner Fuchtel ſeufzten. Es iſt leicht, sich vor- 
zustellen, daß unsere Väter nicht die geringſte Neigung zeigten, für ihre Bedrücker das 
Leben herzugeben, wie die Franzosen sie längst wieder, wie so oft, um ihr Geld und Gut 
geprellt hatten. Alle nur denkbaren Schliche und Ränke wurden benutzt, um sich dem 
Militärdienst der Gallier zu entziehen. Jeder wußte, daß Napoleons Hilfsvölker ihm als 
Kanonenfutter dienen mußten, während er die Landeskinder ſselbſt geschickt zu schonen 
versſtand. Die Stimmung der Eltern gegenüber den Bewohnern, denen es gelang, ihre 
Söhne der Fahne fernzuhalten, war natürlich keine roſige. Es spielten sich viele unlieb- 
samen Szenen ab. Anzeigen bei den französiſchen Behörden scheinen an der Tagesordnung 
gewesen zu sein. Der Saarkalender iſt in der Lage, hierüber ein kleines aus Neunkirchen 
datiertes Aktenstück zu veröffentlichen. Es zeigt nicht gerade freundnachbarliche Gesinnung, 
iſt aber begreiflich und aus den soeben gestreiften Umständen zu erklären. 
Die Aussage der zehn Unterzeichner des amtlichen Protokolls hat folgenden Wort- 
laut: „Neunkirchen, 20. Mesſidor Jahr 13. 
Da die hiesigen Juden namentlich Simon David, David Meyer und Samuel 
Elias, welche Söhne haben, und zwar letzterer seines Bruders Sohn, durch ihre 
Schnur oder Bändel beweisen wollen, daß beſagte Söhne das Alter der Conscrits 
vom 16. Jahr noch nicht hätten; unterſchriebene Bürger von hier, welche Kinder 
vom nemlichen Alter haben und in ihrer Nachbarſchaft wohnen, sicher wissen, daß 
sie das gehörige Alter besagter Conseription haben und es aus dieſer urſach gut 
wiſſen können, ſo haben Selbige sich hier eigenhändig unterschrieben, um wenn 
es gefordert wird, das nemliche vor Gericht oder wo es iſt, zu beſcheinigen. 
Geschehen Neunkirchen den Tag wie oben.“ 
Das nebenſtehende Schriftstück hat sich in einer Familie von Wiebelskirchen erhalten. 
Ueber das Schicksal der jungen Leute, die durch die Feſtſtellung der Nachbarn der Be- 
hörde überliefert wurden, ließ sich nichts mehr in Erfahrung bringen. Vielleicht mußten ſie 
wie so viele unserer Vorfahren pour la gloire de France ihr Leben hingeben. A. Z. 
* 
Anno 1814, 1815. 
Im Saargebiet ſtanden noch immer die Frauen in deutſcher Treue und tatkräftiger 
Liebe den Männern zur Seite, wenn es dem Dienst des Vaterlandes galt. Als im Jahre 
1814 beim ersten Pariser Frieden das Saarbrücker Land von den Diplomaten vergeſſen 
roorden war und in den Händen der Franzosen blieb, ergriff die Männer eine verbissene 
Wut über das dem Saargebiet zugefügte Unrecht. Die Frauenwelt zeigte sich in Trauer- 
kleidung. Keine trug die damals schon von Paris diktierte modiſche Kleidung. Das ein- 
fache Gewand ohne jeglichen Zierrat beſtand aus dunklem groben Wollſtoff, als Schmuck 
diente ein leichtes Eiſenkettchen, an dem ein schwarzes Eichenkreuz hing. Tatkräftig mühte 
man sich um die verwundeten Krieger, die in den Saarbrücker Lazaretten eine liebevolle 
Pflege durch die Bevölkerung fanden. Namentlich die Frauen waren unablässig bemüht, 
den armen Verwundeten das traurige Los zu erleichtern und ihnen zu neuem Lebensmut 
zu verhelfen. Dankbaren Herzens ſchieden die deutschen Brüder von den Stätten liebe- 
voller Gaſtlichkeit trog aller damals herrschenden Not. Ein ehrendes Zeugnis für alle 
Zeiten iſt der Abſchiedsgruß des Oberarztes Dr. Fen dl er, des Leiters der Lazarette 
Saarbrückens, er schrieb: „Hu n.d er t e v o n leidenden Kriegern haben die 
Liebe der Bewohner erfahren und erinnern ſich noch dankbar an 
den Ort, wo sie Pflege, Wartung un d Genesung erhielten un d wer- 
den im alten Vaterlande die neuen Brüder zu rühmen wissen.“ 
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