Full text: 7.1929 (0007)

  
Saarkalender für das Jahr 1929 
  
ſah nach der Uhr, die unheimlich raſch weiterrückte. „Alles ſchläft, einſam wacht“, 
lute os gur j Ferne sanft und getragen im Chor. Ich beneidete dieſe Leute um 
Ich brüllte den Gang herab, daß ich erſtiche, als das auch nichts half, legte 
ich die Hand ſo lange auf die Schelle, bis endlich Schritte draußen hörbar wurden. 
Es war die Dame mit dem roten Haar, aber in -ihren Händen hielt ſie nicht das 
erſehnte Kleidungsſtück. „Wo iſt die Hoſe? “ rief ich außer mir, als ich ihre leeren 
Hände erblickte. FKitemlos, faſt weinend, antwortete die Dante: „Es iſt uns ein 
Malheur paſsſiert, ich kann wirklich nichts dafür, der Schneider nämlich, der den 
Riß ſc fein geſtopft hatte, daß man wirklich nichts mehr ſah, hat beim Ausplätten 
ein zu heißes Eiſen draufgesſetzt, und da iſt es durchgeſengt. Wenn Sie ſich nur noch 
aedulden möchten, vielleicht gelingt's doch noch, es auszubeſſern, vielleicht ' 
„Was meinen Sie mit vielleicht!“ rief ich, mir kam jetzt erſt der Atem wieder, 
„vielleicht ſengt er das ganze Beinkleid durch, vielleicht fährt mir der Zug davon, 
vielleicht ſite ich die ganze Nacht in dieſem Loch. Schaffen Sie mir die Hoſe augen- 
blicklich, ich muß in einer Diertelſtunde auf dem Bahnhof sein . . . Ich mußte mit 
meinem geſträubten Haar fürchterlich aussehen, krebsrot gekocht und rot vor 
Wut. Sie entfloh eiligſt. Ich setzte mich auf den einzigen Stuhl in meiner Zelle 
und wartete, mein Kopf dampfte, vornübergebeugt ſaß ich da. „Schlaf in himmliſcher 
Ruh“, klang es von nebenan . . . das Herz pochte mir wie ein Hammer, ich ſah 
im Geist den Zug herankommen, hörte ihn ſchon, die Uhr in der Hand, sſah meine 
Braut am Bahnhof ſtehen und mit erwartungsvollen Blicken nach mir ausschauen, 
und immer ſchneller lief dieſe kleine Taſchenuhr, dumpf empfand ich, daß meine 
Zukunft von dieſen paar Minuten abhängen würde, ob ich noch rechtzeitig den 
Zug erreichte . . . 
Plötzlich kam die Rote angeſtürmt, triumphierend hielt ſie das Beinkleid in 
ihren Händen. In der Tat, der Schaden war geheilt. Ich nahm das Kleidungsſtück, 
fuhr hinein, ohne Dank zu sagen, fuhr in einen Spalt, eine Naht riß, ritſch, ratſch, 
und der zugesſtopfte, verſengte und überbügelte Riß, den man mit einem Klebſtoff 
zugepappt hatte, klaffte händebreit auseinander. Ich war mitten durchgefahren ...n. . 
In dieſem Augenblick vernahm ich aus der Ferne einen hellen Pfiff, und mit 
einem Puffpuff hielt ein Zug . . . Ich nahm auf meinem Stuhl Platz und ſchimpfte, 
daß die Wände hallten, aber das half alles nichts. Es mußte ein Beinkleid beschafft 
werden, gleichviel woher. Wenn ich einen Kaftan vom Kopf bis zu den Füßen über 
den Riß geworfen hätte, der Wind hätte ihn doch aufgedeckt und der erſte beſte 
Schutmann mich mit dem zerfetzten Beinkleid arretiert . Das Fräulein eilte 
fort, das Kleidungsstück herbeizuſchaffen . . . Nach einer Weile, die mir wie eine 
Stunde erſchien, brachte sie endlich eine grünkarierte Hoſe, viel zu weit und viel 
zu lang, die meine Füße faltig umwallte und mir in der Taillengegend, ich war 
damals noch jung und ſchlank, wie ein umgebundener Sack ſaß, aber ſie war 
warm und unbeschädigt und ich konnte doch aus dieſem unseligen Gefängnis heraus. 
Ich kam gerade rechtzeitig zum Bahnhof, um meinen Zug abfahren zu sehen, zu . 
erfahren, daß der nächſte am anderen Morgen ginge, und feſtzuſtellen, daß ich 
meinen Nelkenſtrauß in der Badeanſtalt hatte liegen lassen. 
Als ich mich im Wartesſaalſpiegel betrachtete, in meinen weiten, ſchlotternd 
ſizenden Beinkleidern, die farbenprächtig unter dem rehbraunen neuen Ueberzieher 
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