Full text: 7.1929 (0007)

Saarkalender für das Jahr 1929 
  
Der Zug lief programmäßig in Ueberdingen ein, einem verödeten, vom Schnee- 
treiben verdunkelten Bahnſteig mit einem engen Wartesaal, der die Beſchreibungen 
meines Detters an Menſchenüberfülle und einer Luft nach alten Kleidern, Tabak 
und Bier noch bei weitem übertraf. Ich erkundigte mich vorsichtshalber noch einmal 
nach meinem Zug und erfuhr, daß mein Fahrplan genau ſtimmte, ich hatte andert- 
halb Stunden Aufenthalt. Ich gah am Büfett meine kleine Handtaſche ab und ging 
hinüber nach der Badeanſtalt. Schon von weitem leuchtete mir freundlich eine grüne 
Laterne entgegen, ich ſah erhellte Fenster, die von warmem Dampf beſchlagen 
waren, wogende Dämpfe empfingen mich in dem Hausgang. Das Fräulein mit dem 
roten Haar an der Kaſſe hieß mich im Wartezimmer Platz nehmen und ſchritt mir 
voran, um das Bad zu richten. Heute war niemand von dem Perſonal anweſend, 
niemand schien zu baden, denn alle Zellen waren leer. Als ich den kleinen, halb- 
dunklen Warteſaal betrat, ſtolperte ich über etwas Weiches an der Erde, es war 
ein junger Hund, der zuſammengekauert neben dem Ofen lag. Heulend sprang 
das Tier mit einem Satz an meinem Knie herauf, und, ritſch, ratſch, biß es mir 
in die Hoſe. Mütend fuhr ich mit dem Stock auf dieſen Tiger los, der ſich mit Gebell 
und heulend immer wieder auf mich ſtürzte. Das rote Fräulein kam gelaufen. Ich 
zeigte ihr, was der Foxterrier angerichtet hatte. Ein Fetzen meines neuen Bein- 
Kleides hing herunter. Sie rang die Hände. „Ach Gott, es iſt ein ſo edles, feuriges 
junges Tier, ein Raſſehund, wir haben ihn da eingeſchloſſen. ich hatte ihn ganz 
vergeſſen, das Zimmer war dunkel, Sie haben ihn jedenfalls auf den Schwanz 
getreten.“ Auf den Schwanz getreten hatte ich ihn, das konnte ich nicht beſtreiten, 
aber wußte ich denn, was in der Dunkelheit in diesem Warteraum auf mich lauerte? 
„Es iſt mir gleichgültig, ob es ein Raſſehund iſt“, rief ich, „ich werde mich beſchweren, 
wo iſt das Buch, wo iſt der Dorſtand, iſt das hier ein Wartezimmer oder ein 
Hundeſtall ? “ 
Das Fräulein ſuchte zu beruhigen, „wir flicken's Ihnen zu, mein Herr, gleich 
nebenan wohnt ein Schneider, der Schaden iſt ja raſch repariert, ich trag's ihm sofort 
hinüber. Gehen Sie derweil nur in Ihr Bad . . .Û 
Was blieb mir übrig? Das Badezimmer ſah einladend aus, erwärmt und hell, 
mit freundlichen weißen Kacheln, ein dampfendes, warmes Bad wartete auf mich. 
In ſtummer Empörung ſchloß ich mich in meine Zelle ein und reichte der wartenden 
Dame das beſchädigte Kleidungsstück heraus, ſie verſchwand damit. Das Bad war 
angenehm, aber etwas warm, in der Aufregung hatte das Fräulein jedenfalls zu 
viel heißes Waſſer laufen lassen, gleichviel, ich ſtieg hinein. Aber ich blieb nicht 
lange darin, es war, als würde man gekocht, ich ſprang bald wieder heraus und 
kleidete mich an bis auf das bewußte Stück. Das rote Fräulein kam nicht wieder. ... 
Der heiße Dampf wurde mir unerträglich, es wurde heißer und heißer in der engen 
Zelle. Die Dämpfe ſtiegen wolkenartig geballt in die Höhe, man saß wie in einem 
Brutofen . . . Ich läutete. Das Gebimmel hallte in den leeren Gängen, aber niemand 
rührte ſich. Ich horchte an der Tür, alles blieb ſtill. Die Dame hatte die Haustür 
hinter ſich offen gelaſſen, ein kalter Zugwind wehte mir entgegen, ein Weihnachts- 
lied ward hörbar, das in einem Nachbarhaus angeſtimmt wurde . . . Stille Nacht . . . 
Eine etwas verfrühte Beſcherung. Ich ſchloß die Tür wieder, die Hite wurde immer 
toller, ich kurbelte an der Heizung, ich wollte abſtellen, doch es wurde immer 
heißer . . . Mein Kopf ſah rot wie ein Krebs in dem angelaufenen Spiegel aus, 
ich ſchüttelte die Fäuſte und lief in der Zelle auf und ab wie ein Gefangener, ich 
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