Full text: 7.1929 (0007)

Saarkalender für das Jahr 1929 
  
iſlt der entſcheidende“, ſagte der Detter. Das Bild wurde abgesandt und ich wartete 
mit Nervosität die Antwort ab. 
Der Detter hatte mir das Bild meiner Zukünftigen bagelaſſen, und bei desſen 
täglicher Betrachtung ſtellte ſich heraus, daß ich mich gar nicht mehr gegen den 
Gedanken ſträubte, den Gegenſtand dieſes Bildes als meine Braut zu begrüßen. 
Die Antwort kam und erfreute uns durch ihre Promptheit. Mein liebenswürdiger 
Detter hatte natürlich auch da vorgearbeitet, und es wurde nach einigen Briefen, 
die wir nun ſelber wechſelten, ausgemacht, am Weihnachtstage morgens in der 
Frühe sollte ich abreiſen, auf meiner Reiſe bei ihr aussſteigen, die Feiertage bei 
ihrer Familie verleben und die Derlobung konnte dann bekanntgemacht und ge- 
feiert werden. 
Nun war das Städtchen, wo meine Braut wohnte, zwar. nur drei Stationen 
von meiner zukünftigen Heimatſtadt gelegen, aber es lag abſeits von der großen 
Linie, man mußte auf einer Zwiſchenſtation aussteigen und dort den Bummelzug 
nehmen. Mein Detter übernahm das Arrangement der Reise. Da er niemals eine 
Angelegenheit halb tat, ſondern auf das gründlichſte verfuhr, ſo ließ er es ſich nicht 
nehmen, ſich einzufinden, während ich die Koffer packte. „Nur kein Handgepäck“, 
ſagte er, „das ſieht so kleinſtädtiſch aus, alles tut man in die großen Koffer, die 
man aufgibt, eine lederne Handtaſche, den Schirm und ein paar Rosen, das iſt 
alles, den neuen Anzug auf die Reiſe, die anderen in den Koffer. Und dann will 
ich Dir noch einen guten Rat geben: Ueberdingen, so heißt nämlich die Umſteige- 
  
ſtation, iſt ein Knotenpunkt, ein Dorf mit einem elenden Wartesaal, Du haſt einen 
Aufenthalt von anderthalb Stunden. Das Gasthaus im Dorf iſt ſchlecht, der Warte- 
ſaal zur Weihnachtszeit vollgepfropft, da habe ich nun regelmäßig meine Zeit in 
Ueberdingen auf die beſte und nügtzlichſte Weiſe verbracht, indem ich in der gut- 
eingerichteten Badeanſtalt in der Nähe des Bahnhofs, Du kennſt ſie gleich an ihrer 
grünen Laterne, ein warmes Bad nahm.“ Ich wollte Einwendungen machen, aber 
mein Detter ſchnitt mir das Wort ab. „Geht nicht, wieſo? Der Zug kommt immer 
pünktlich an, Weg nach der Badeanſtalt fünf Minuten, und zu einem Bad gebraucht 
man in Ueberdingen auch nicht länger wie woanders, alſo Du stehſt in einer Stunde 
fix und fertig vor der Tür und wandelſt gemächlich zum Bahnhof, wo dann der Zug 
heranbrauſt. So macht der Gentleman ſich das Leben angenehm. Das Fräulein an 
der Kasse hat rotes Haar, Du kannſt ſie von mir grüßen“, setzte er hinzu. 
Der Plan des praktiſchen Detters leuchtete mir ein und ich fuhr am Weihnachts- 
morgen pünkttlichſt mit dem Zuge ab. Der Gedanke, daß meine Braut mich am 
Bahnhof abholen ſollte, ſtammte ebenfalls von meinem Vetter, denn er ſaagte ſehr 
richtig, „wenn Du ſie erſt im Kreiſe der Familie ſiehſt, gibt's kein Zurück mehr. 
Dann ſseid Ihr eingeheimſt. Der erſte Eindruck gehört nur Euch beiden, den müßt 
Ihr unbeeinflußt genießen. So nur kann man wählen.“ 
Nun konnte zwar nach dieſen Dorbereitungen von Wählen nicht mehr die Rede 
ſein, doch mir war dieſer Dorſchlag vernünftig erſchienen, und von angenehmen 
Gedanken bewegt, ſah ich aus dem Zug auf die beſchneiten Gegenden, die an mir 
vorüberzogen. Neben mir lag ein großer, duftender Strauß herrlicher roſa Nelken, . 
den ich von Zeit zu Zeit sorgfältig lüftete, um nachzusehen, ob sie noch friſch seien. 
Ich stellte mir vor, wie ſie wohl aussehen würde, was ihr erſtes Wort ſein 
würde, und dabei ſtellte ich feſt, daß der neue Anzug vortrefflich ſaß und die Bügel- 
ſalte tadellos ausgefallen war.
	        

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