Full text: 7.1929 (0007)

  
Saarkalender für das Jahr 1929 
  
einer anderen „Perſon“ Teppiche klopfen. Als er ſein Studierzimmer betrat, fand 
er es ausgeräumt, die Bücher auf dem Boden umhergeſtreut und die Fenſter auf- 
geriſſen, überall war es zugig und kalt. Selbſt in dieses Frauenzimmer, welches 
das ganze Iahr an Zahnweh litt und mürriſcher Laune war, war etwas wie 
Feſtſtimmung gefahren, und er wußte, was das graue Tuch bedeutete, nämlich 
eiskalte, ausgeräumte Stuben und kurze Antworten, wenn man etwas wünſchte. 
Der Profeſſor nahm seinen Schlapphut und den Schirm und machte ſich auf 
den Weg zum Triller. Es ſchneite in feinen Flocken und war ziemlich kalt, droben 
waren die ſchmalen Sandwege zwiſchen den Gartenmauern aufgeweicht und grundlos, 
der Wind fegte über die Schlachtfelder und der Spichererberg verſchwand im grauen 
Flockengewirbel, kein Menſch begegnete ihm hier oben. Er wanderte zur Stadt 
zurück, der Saar entlang auf dem Leinpfad, bis die Mittagsglocken zu läuten 
anhuben. 
Das Kaſino war heute verödet, alle Säle leer, am runden Tiſch aßen heute 
ein paar Referendare, die es eilig hatten und des Abends in befreundeten Familien 
eingeladen waren. Im Leſezimmer hatte er alle Zeitungen für ſich. Niemand kam 
zum gemütlichen Kaffeeſkat, das Billard ſtand araubezogen leer, in dem großen 
Saal wirtſchafteten die Mietze und andere weiße Latzſchürzen, mit grauen Tüchern 
um den Kopf, und putzten die großen Spiegel und Kronleuchter . . . . Für ſeine 
Münſche waren ſie nicht zu haben, ſie hörten heute alle ſchlecht . . . Brummend 
zog er sich in die Ecke am Kachelofen des Leſezimmers zurück und ſah den wir- 
belnden, grauen Flocken draußen zu, welche die Kaſtanien vor dem Kaſino mit 
einer Schneeſchicht bedeckten. Die ſchmalen, aneinandergerückten Kohlenſchiffe ruhten 
ſtill, und alles, was man sah, war von dieſem weihnachtlichen Schneetreiben in 
Grau gehüllt, die alte Brücke, der Schweif des Pferdes des Kaiſers Wilhelm auf 
der Brücke . . . Ganz allmählich blinkten ein paar Lichter auf. In den Häuſern 
wurden ſchon Weihnachtsbäume angezündet . . . Er hatte die Zeitungen ausgeleſen 
und saß am Fenſter und hörte den Adventsglocken zu, die nun von allen Kirchen 
läuteten . . . und langſam kamen die Erinnerungen über ihn, ganz heimlich, wie 
jemand ſich unbemerkt heranſchleicht und uns die weichen Arme um den Hals legt, 
ehe wir es uns versehen . . . die Erinnerungen, die er ſich während des ganzen 
Jahres fernhielt. .. . In dieſem Augenblick wurde die Tür geöffnet und ein 
bekannter Kopf ſah herein. 
' „Sie hier, Profeſſor?“ ES war ein Major, mit dem er gewöhnlich Billard 
ſpielte; er hatte noch einen Schützling mitgebracht, den Notar. 
Die Herren begrüßten ſich, als hätten ſie einander jahrelang nicht geſehen. .) 
„Gott sei Dank, wenigstens ein Menſch“, sſagte der Major; er hatte ſeine 
Gemahlin vor einiger Zeit nach Meran gebracht zur Kur, der Notar war Witwer 
und hatte Weihnachten auch ausgeräumte Stuben vorgefunden. 
„Mun ſpielen wir aber unſern Skat“, ſagte der Profesſor. 
Sie ſetten ſich an den runden Tiſch und spielten bis acht, dann wollten die 
beiden Herren wieder gehen. Man mußte doch nach Hauſe, irgendwo zu Abend essen. 
Aber der Profeſſor wollte nicht nach Hauſe, nicht das Lokal wechseln, er lud die 
Herren ein, mit ihm einen Weihnachtspunſch zu trinken. 
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