Full text: 7.1929 (0007)

Saarkalender für das Jahr 1929 
  
Pensionserinnerungen einer Saarbrückerin. 
Das Bild des Don Juan. 
Von Liesbet Dill. 
In unserem Wiesbadener Pensionat, das von einer frommen Engländerin geleitet 
wurde, die für Opernsänger nicht viel übrig hatte, war es ſtren ß luuoezi se Be- 
ti? zu zen .Kinttleu ves Opernhauſes zu treten, ihnen Briefe zu schreiben oder 
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Wir hatten nur von der Venus ihre schönen Füße fei ſyr junge Dayyr th tigt zétis: 
häuser geſehen und seitdem schwärmte sie für ihn. . . Sie trug uns vor, wie er geſungen 
hatte und vor Frau Venus gekniet, ich mußte dazu „O du mein holder Abendſtern“ 
ſpielen auf dem verſtimmten Klavier, das auf unserem Zimmer stand, und Katie konnte 
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Nachdem sie aber von dem Bariton, dem ſchönen Müller, den Don Juan gehört 
hatte, ganz in weißem Atlas von Kopf bis zu den Jußſpitzen, und die Champagnerarie, 
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um den Tannhäuser zu bekommen und in der Buchhandlung, die solche Künſtlerbilder 
hatte, konnte sie nicht mehr wagen, nach dem Don Juan zu fragen. Der Verkäufer, ein 
frecher Menſch, grinſte schon, wenn Katie kam, sie behauptete, er „sähe es ihr an“. Sie 
flehte mich an, doch hineinzugehen und nach dem Don Juan zu fragen. „Ich muß sein 
herrliches Bild besitzen. Läsbet, dear, do fetch it for me“.*) Ich verſprach es ihr, ich hatte 
ja ein gutes Gewissen und der ſchöne Müller ging mich weiter nichts an. 
Eines Samstags, unserem Einkaufsnachmittag, entfernten wir beide uns von der 
Pensionatsſchlange unter dem Vorwand, Noten zu kaufen, und ich betrat die beſagte 
Buchhandlung, während Katie draußen Poſten ſtand. Ich fragte nach dem Bild von 
Müller als Don Juan. „Warum denn gerade als Don Juan?“ fragte der freche Menſch. 
Als Don Juan war er nämlich vergriffen. . . . Er hatte nur noch ein Bild von ihm, 
„leider nur in Zivil“. Es war Müller in einem hohen ſteifen Hut und er sah darauf 
aus wie die meiſten Männer. Es kostete zwei Mark fünfzig. Da ich Katie nicht ent- 
täuſchen wollte, kaufte ich das Bild und brachte es ihr. Sie lief beseligt an die nächste 
Laterne und enthüllte das Bild, aber sie ſtieß ein Geheul der Enttäuſchung aus. Das 
war nicht Don Juan, das war nur ein Mann mit einem hohen Hut! ,Das Bild iſt 
disguſting, ein monstre. J hate it!“**) Ich sollte es dem Mann wieder zurückbringen. Aber 
das wollte ich nun auch wieder nicht. So steckte es die enttäuschte Katie betrübt in 
ihren Gummimantel. Zu Hauſe riß sie das Bild in Stücke und versenkte es in eine 
gewisse Leitung, wo es verſchwand. 
Am nächſten Morgen läutete die große Schulſchelle Sturm durch das Haus und die 
Aufsicht, Miß K., eine hagere Engländerin, rief uns zur „Sprechstunde“. in den großen 
Saal. Sprechſtunden im großen Saal verhieß immer, daß etwas Fürchterliches 
geſchehen war. Wir kleideten uns zitternd an. Unten fanden wir ſchon das ganze 
Penſionat, dreißig Mädchen, versammelt, die Miß H. eben verhörte. Die Waſserleitung 
war verſtopft, man hatte nachgeforſcht und ein Arbeiter hatte dieſes Bild aus den Tiefen 
gefiſcht, das vor uns, sorgfältig zuſammengesetzt, auf dem Tische lag. Ich warf einen 
chiefen Blick darauf, es war der ſchöne Müller, im ſteifen, ſchwarzen Hut. Der Don 
uan war wiedergekommen. Er hatte ſich gerächt. Wir wurden gefragt, wer, trotz des 
strengen Verbotes, es gewagt habe, dieses Bild zu kaufen. Wir wurden einzeln verhört. 
Als Katie dran kam, begann sie zu ſchluchzen. „Jch –~ ich habe das Bild nicht . . . 
gekauft, ich habe es wirklich nicht“ . . . . ,, Nun, dann ist es gut,“ sagte die Miß H., 
„beruhige Dich. Die Nächste . . . Liesbet“ . . . Ich kam dran und weil mir nichts 
  
*) Liebe Liesbet, hole es für mich. 
**) Das Bild ist geschmacklos, ein Ungeheuer, ich haſſe es. 
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