Full text: 6.1928 (0006)

Saarkalender für das Jahr 1928 
  
  
Um die Befreiung der Bevölkerung von dem ,preußischen Joch“ vollſtändig zu machen, 
iſt bekanntlich auch die Sozialverſicherung von der des Reiches abgetrennt und ſelbſtänod:g 
gemacht worden. Folgende wenige Zahlen beleuchten die Folgen: 
In der Invalidenversſicherung beträgt seit 1. Auguſt 1926 die Durchschnittsrenle üei 
20 Dienſtjahren 113 Franken, das sind 18,88 Mark monatlich (!). Die Durchſchnittsrente 
einer Witwe beläuft sich ſogar nur auf 63,35 oder 10,56 Mark. Wie soll ein Menſch 
damit einen Monat lang leben? Das ſchiert den Völkerbund nicht! Für eine Waiſe 
werden im Saargebiet durchschnittlich 58,50 Mark monatlich bezahlt. Bei der Angeſtellten- 
versicherung bezieht der Rentenempfänger in der höchſten Klasse mit einem Kind 25 Mark 
monatlich, im Reich dagegen 81,75 Mark, alſo mehr als das Dreifache (!). Vor der Er- 
höhung im Auguſt 1926 erhielt dieſer Versicherte nur 62 Franken; das waren bei der 
Frankeninflation im Juli 1926 8,45 Mark oder '/13 der Leiſtung in Deutschland. Um noch 
ein Beispiel aus der Unfallversicherung anzuführen: Bei einer Erwerbsverminderung von 
30 Preze.t. Fer.s im Saargebiet 35 Franken oder 5,66 Mark, im Ruhrgebiet dagegen 
37,75 Mark begahlt. 
Wenn man in Betracht zieht, daß im Saargebiet die Leiſtungen der Sozialverſicherung, 
vor dem 1. Auguſt 1926 noch ganz bedeutend niedriger waren, so begreift man den ganzen 
Jammer und das Elend, das die Befreiung des Saargebiets durch den Völkerbund jfür 
die zahlloſen Sozialrentner gebracht hat. 
Ueberall, wohin man blickt, ein völliges Fiasko, eine einzige gewaltige Anklage gegen 
den Völkerbund und dessen prahleriſche Versprechungen. Wenn die heißerſehnte Stunde 
der Erlöſung ſchlägt, die Befreiung vom Franzosenjoch dem Saargebiet die Wiederdereini- 
gung mit dem Reiche bringt, wird das Saargebiet, das man gegen seinen Willen von 
Deutschland getrennt hat, auf eine der düſtersſten Perioden seiner Geſchichte zurückblicken. 
] 
Ballade von der Saar. 
Der Ritter Gerenot, Der Ritter Gerenot, 
Der sprach: „Schockſschwerenot! Der sprach: „Schockſchwerenot! 
Das beſte iſt die Jagd; Das beſte iſt die Lieb’, 
Was kümmert mich die Kerch, Und wenn ſie sich nicht beut, 
Wo ſinget man und klagt, Werd’ ich an ihr zum Dieb 
Ich flieh' vor dieſem Pferch Und nehme, was mich freut.“ 
Zum lichten grünen Wald, Da fiel der böſe Mann 
Allwo das Hifthorn hallt.“ Ein Mägdlein tückiſch an. 
Der Ritter Gerenot, Der Ritter Gerenot, 
Der ſprach: ,„Schockſschwerenot! Der ward zu Hohn und Spott; 
Das beste iſt der Wein, Die Himmelskönigin 
Und trinkend preiſ’ ich Gott, Mit hocherhob’'ner Hand 
Der klar ihn ſchuf und rein, Dem Frevelnden erſchien. 
Auf daß nicht, sapperlott, Zu Stein geworden ſtand 
Betrügeriſcher Sinn Der Ritter, 's Herz ihm bricht, 
Des Fälſchers ihn verdünn'.“ Und sünd’'gen kunnt’ er nicht. 
Und der dies Lied gemacht, 
Hat 's an der Saar erdacht. 
. Zwei Felsen dorten ſteh’n, 
Gar tief des Ritters Stein, 
Doch oben in der Höhn, 
Der muß Mariens ſein, 
Der Ritter minder mild 
Trägt trutzig Schwert und Schild. 
Dr. Otto Marx. 
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