Full text: 6.1928 (0006)

  
  
saarkalender für das Jahr 1928 
  
Ein Blick in die freundnachbarliche Volksſeele. 
Brissot, das Haupt der Girondiſten und Wortführer der Außenpolitik, äußerte sich im 
Pariſer Parlament am 26. November 1792: „Wir können nur ruhig sein, wenn Europa 
in Flammen ſteht. Frankreich muß bis an den Rhein reichen und jenseits darf es nur 
kleine Föderativſtaaten geben.“ Dies Wort spiegelt noch heute die Gedankenwelt Frank- 
reichs wieder. Einige weiße Raben verſchwinden dagegen. Es fehlt zwar nicht an ehr- 
lichen Männern, aber sie ſind Prediger in der Wüſte, vielleicht auch nur Schönredner aus 
Parteirücksichten. Hier einige: 
„Frankreich muß so früh wie möglich dem Deutschen Reiche das Saargebiet zurück- 
geben und sich mit Deutschland über eine freundschaftliche Regelung in der Frage der 
Saarbergwerke verſtändigen. Die Klugheit rät dies an und die Gerechtigkeit fordert es.“ 
Der sozialistische Deputierte L eo n Bl u m im „Populaire“ (10. 3. 1927). 
  
„Wenn sich Frankreich und Deutschland nicht einander nähern, iſt ein dauerhafter 
Friede in Europa nicht möglich.“ 
Briand (in einer Kammerrede am 30. Nov. 1926). 
„Während des Krieges sind die Deutschen mit der Verachtung der ganzen Welt beladen 
worden. weil sie, wie man sagte, Kinderhände abgehackt hätten. Merkwürdig ist, daß 
dic Opfer, sobald man sie mit eigenen Augen sehen wollte, nicht aufzufinden waren. 
Wir hacken die Hände der Kinder nicht ab, aber wir ſchauen ruhig zu, wie dieſe kleinen 
Hände, die sich unschuldig nach dem Leben ausstreckten, welken und ſteif auf ihre gemar- 
terten Körper zurückſinken. Die Kinder ſterben, ja sterben im wörtlichen Sinn, vor 
Hunger. Das ist der grauenhafte Kollektivmord in allen Städten der Zentralstaaten, an 
dem sich die Alliierten schuldig machen.“ 
Paul Reboux (in der „Humanité“ am 6. Oktober 1920). 
Eine andere Tonart schallt aber aus dem gewaltigen Chorus der Chauvins: 
„Wer Frankreich nicht liebt, iſt krank!“ 
General de Caſtelnau (im Kolmarer Haegi-Prozeß April 1927). 
„Es iſt leicht möglich, daß die Saarländer, nachdem sie die durch die Franzosen 
gebrachte Freiheit gekostet haben, lieber diese Freiheit bewahren, als wieder unter das 
preußische Joch fallen zu wollen. Es h an d e lt sich d ar um, d en Sa arländern 
zu ermöglichen, sich mit den politiſchen Meth od en der freien 
Völk er zu b efr e und en.“ 
R e vir e, Professor der Geschichte in Lyon. 
„Während der Periode von 15 Jahren ſind die Saarländer unter 
die wir kſame Regierung des Völkerbundes gestellt. Der Vertrag, 
d er dieser Regierung den Ursprung gegeben, iſt der größte Akt 
der internationalen Gerechtigkeit, welchen die freien Völker der 
Welt jemals zu verwirklichen verſucht h a b en. Die Behauptung, daß die 
Saarländer so der Sklaverei unterworfen worden ſind, iſt ebenso gehässig wie lächerlich.“ 
Revire, Professor der Geschichte in Lyon. 
„Gut gebrüllt, Löwe!“ 
„Alle Völker müsſen endlich die Gültigkeit der zugleich französischen und europäischen 
Theſe anerkennen, daß Deutſchland am Rheine endigt. Dieſe natürliche Grenze zu ge- 
winnen, iſt die unwiderstehliche Tendenz unseres nationalen Wesens. Der Rhein iſt nicht 
deutsch. er iſt ein alter galliſcher Strom.“ Lor in. 
Dummdreisten Schwindel treibt die Presse: 
„Geben wir die Saar nicht auf, die uns ihren Wohlstand verdankt. Vor allem muß 
die Rückkehr dieſes Gebietes an das Reich vermieden werden, da wir dann nicht mehr 
die Bergwerke behalten können; denn kein Schadenerſatz könnte für unsere Wirtſchaft 
der Kohle gleichkommen, die wir dann verlören.“ Im übrigen verlangt der Artikel nach 
1935 „ein autonomes Saargebiet, das mit französiſcher Hilfe weiter gedeiht“. 
„Journal“ vom 29. März 1927. 
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