Full text: 5.1927 (0005)

Saarkalender für das Jahr 1927. 
  
  
  
~ p,Frankeninflation“ und „Teuerung“. 
Das sind zwar nur Stichworte, aber wir 
alle wissen genau, wie gewaltig sie stechen, 
nicht wahr? – Außerdem habe ich noch 
  
  
  
  
eine Frau (Bubikopf-Anwärterin) und 
3 Kinder. Manchmal kommt es mir vor, 
als habe ich zwei Frauen, die ſich gegen- 
seitig nicht vertragen können und 6 
Kinder. Und da soll einer noch den Mut 
aufbringen, eine Humoreske zu ſchreiben! 
Ich danke! ' 
Die Humoreske ſchlummert noch un- 
geboren in den ſcheckigen Tiefen meiner 
Bruſt. Aber mein Ruhm trägt bereits 
Zinsen. (Schade, daß ich keine Brannt- 
weinhandlung habe! Ich würde ihn auf 
Flaſchen abzichen und als ,@ Original- 
Jamaica“ verkaufen.) Das Geſchäft hai 
ſich etwas belebt. Das kunſstverſtändige 
VPublikum will den neugebackenen Dichter 
kennenlernen. Unsre 60-Centimes-Zigarre, 
Marke ,„Dorfpoet mit Havannah-Einlage“ 
iſt bereits ausverkauft worden. Im 
übrigen hatte ich weniger Glück: Mein 
Lieferant Schleuderpreis aus Blieskaſtel 
hat mich nun zum zwölften und, wie er 
schreibt, letten Male gemahnt. Hähä! Er 
fürchtet sich scheinbar vor der Zahl 13. ~ 
Vom Finanzamt bekam ich eine Steuer- 
Nachforderung für 19240. (Kommt in die 
Mappe: ,Steuer-Nachforderungen. Mittel- 
alter .bis Neuzeit.“) Vor Schreck ist mir 
eine Flasche mit schwarzer Kautabakbeize 
über den guten, grauen Anzug gelaufen. 
zievo läuft hinterher. Sie ist außer 
ih . c s~v 6% 
| 
Hurrah! Der Anfang meiner Humoreske 
iſt gefunden. Er lautet: An einem jener 
herrlichen, roſigüberhauchten Vorfrühlings- 
vormittage spazierte Ottomar ſtillbeglückt 
über der Saarmaid Wanderweg. Da be- 
fr! u in rr ue pe uzerr hinter 
grün-verſchleierte Dame. – Das klingt 
poetiſch, hat lokale Färbung, nur ist es 
nicht gerade humorvoll. Aus dieser Ver- 
Tegenheit befreit mich Kathrin, das Aus- 
hilfemädchen, die ich bei knifflichen Dingen 
itnnmer gerne um Rat frage. „Waaaas?" 
ſchreit Kathrin empört, „das will e Dam 
sind, die sich alläin in de Wälder erum 
treibt? Das is kä Dam, das is e Zumbel!“ 
  
  
  
  
  
~ Eine glänzende Idee!: Damit wäre ich 
dem Humeoriſstiſchen ſchon ein gut Stück 
näher gerückt. Ich schreibe alſo: „Da be- 
gegnete ihm in den dichten Wäldern hinter 
dem Winterberg eine auffallend grün-ver- 
ſchleierte Zumbel! — Als ich. dieſen viel- 
ſagenden Anfang meiner Frau vorlete, 
meint sie, ich brauche die Sache nicht gletch 
wieder ins Ordinäre zu ziehen. – Im 
Anſchluß hieran hatten wir eine kleine, 
aber wirkungsvolle häusliche Szene. 
Man ſsſoll ja nicht etwa denken, meine 
Frau hätte die Hoſen an! JIch verbitte 
mir das! Ich habe den Anfang der Hu- 
moreske aus frei en Stücken um- 
geändert. In seiner jetzigen neutralisierten 
Jorm lautet. er so: „Da begegnete ihm in 
den dichten Nadelwäldern hinter dem 
Winterberg ein Hund (Dackel)“. – Nun 
site ich aber ſchon mehr als 3 Stunden 
im Schweiße meines Angesichtes über 
diesem Bieſt und komme nicht von der 
Stelle. Man könnte vielleicht eine humo- 
riſtiſche Tiere. und HMenſchengeſchichte 
daraus machen. Etwa so: Der Dackel geht 
nicht mehr von Ottomars Seite. Eines 
Tages springt ihm im Schloßeafés eine 
robuſte Dame an die Krawatte: „Wie 
kommen Sie zu meinem ſsſüßen, kleinen 
Waldi-Dackelchen? Sie Hundedieb!“ 
Damit ist jedoch meine Dackel-Weisheit zu 
Ende. Es ist das beste, wenn ich mal per- 
sönlich am Sonntag nach dem Winterberg 
wandern und der qdhiſtoriſchen Stätte 
  
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