Full text: 5.1927 (0005)

  
  
  
Saarkalender für das Jahr 1927. 
„Im Saarbeckengebiet beſteht weder allgemeine Wehrpflicht noch freiwilliger Heeres- 
dienſt Es wird wur eine sörtliche Gendarmerie zur Anucfrecht- 
erhaltung d er Ordnung errichtet. Der Regierungs-Kommission liegt es ob, 
[ @lülen eintretenden Fällen für den Schutz der Person und des Eigentums im Saar- 
beckrngebiet zu sorgen.“ 
Es ist ganz klar, daß auch der Völkerbund nicht daran gedacht hat, das franzöſiſche 
Militär im Saargebiet zu belaſſen. In dem vom Völkerbundsvat auf seiner Londoner 
Tagung vom 13. Februar 1920 einſtimmig zum Beſchluß, erhobenen Bericht des 
griechiſchen Vertreters Caclamanos über die Regierung des Saargebiets iſt nur davon 
die Rede, daß bis zur Errichtung der örtlichen Gendarmerie die Regierungs-Kommiſſion 
die teilweiſe oder völlige Beibehaltung oder die Rückberufung der Truppen im Falle 
eines Bedürfnisses hierzu verlangen könne. Man konnte hier also die Hoffnung haben. 
in absehbarer Zeit von dem französſiſchen Militär befreit zu werden. Wie grimmig 
sollte dieſe Hoffnung enttäuscht werden! Heute, faſt acht Jahre nach dem Einzug der 
französischen Truppen, iſt es noch nicht gelungen, dem § 30 des Saar-Statuts Geltung 
zu verschaffen! Immer wieder hat der Völkerbundsrat die Belaſſung der fvangöſiſchen 
Truppen im Saargebiet, wenn auch offensichtlich nur widerwillig, geduldet, wenn ſsein 
Druck auf die Regierungs-Kommiſssion, die örtliche Gendarmerie zu errichten, im Laufe 
der Jahre sich auch mehr und mehr verſtärkt hat. 
Am 26. Februar 1920 trat die Regierungs-Kommission mit dem Präſidenten Rault 
an der Spitze ihr Amt im Saargebiet an. Einen Monat später, Ende Märg 1920, gab 
Präsident Rault den Vertretern der politiſchen Parteien gegenüber die Erklärung ab, 
daß die oberſte Militärbehörde im Saargebiet als solche zu existieren aufgehört hätte, 
desgleichen die Militärverwaltungen in den Kreisen, die franzöſiſchen Truppen blieben 
jedoch im Saargebiet, nicht als Besſatzungstruppen, sondern als Sicherheitstruppe, ſo- 
lange die zu gründende saarländische Polizeitruppe von 3000 Mann noch nicht ein- 
gerichtet sei. Dem Völkerbundsrat berichtete die Regierungs-Kommission unter dem 
25. März 1926, daß sie bis zur Errichtung der örtlichen Gendarmerie die Anwesenheit 
von Truppen nicht entbehren könne, weshalb sie die Beibehaltung der französischen 
Truppen gemäß der Auslegung der Beſtimmung des s 30 durch das Völkerbundsrat- 
mitglied Caclamanos beantragt habe. Diese Truppen seien aber nicht mehr Besatzungs-, 
sſordern „Garnisſontruppen“. In dem Verhältnis der französischen Truppen zur Saar- 
bevölkerung änderte sich aber zunächst nichts. Trotzdem Rault die notwendige Stärke 
der örtlichen Gendarmerie zur Aufrechterhaltung der Ordnung auf 3000 Mann angegeben 
hatte, eine Zahl, die er später auf 4000 erhöhte, wurde die weit größere Zahl der 
franzöſiſchen Truppen nicht vermindert. Die Zahl der Wohnungsbeschlagnahmungen für 
das französische Militär und für die französische Bergwerksdirektion wurde immer 
V E E C KL zr 
zu forgen habe. Wie groß die Zahl der französischen „Garniſontruppen“ im Jahre 1920 
war, können wir Ddem Budget des französischen Kriegsministeriums für 1921 entnehmen. 
Danach belief sich für 1920 der Bestand auf 400 Offiziere und 10 400 Mann, die den 
französischen Etat mit 61 047 470 Fr. belasteten. Für 1921 waren vorgesehen 266 Ofsiziere 
und 7163 Mann, d ar unt er 3200 Ein ge borene aus Nord- Af rik a. Die 
Ausgaben für dieſe „Besatz ungs tr upp e n“, in Paris legte man auf die feine 
Bemäntelung der Umwandlung in „Garnisontruppen“ offenbar keinen großen Wert, 
werden auf 41 750 000 Fr. veranschlagt. 
Aber auch sonst ließ die Regierungs-Kommiſsion das franzöſiſche Militär weiter 
schalten und walten wie es wollte. Wir hören von Eingriffen in die Befugnisse der 
Kommunalverwaltung. Wiederholt kam es zu Ausschreitungen der Soldaten gegenüber 
den Bürgern, ohne daß ein Schutz oder eine Sicherheit hiergegen gegeben gewesen wäre. Die 
Polizei war kaum in der Lage, die Bürger gegen Insulte der Militärperſonen zu 
schützen, hatte wohl auch wenig Neigung dazu, um nicht in Konflikt mit der Militär- 
macht zu geraten. Was jede militärische Besatzung unerträglich für die davon betroffene 
Bevölkerung macht, iſt das Gefühl der Schutzloſigkeit gegenüber der Militärherrſchaft, 
deren Grenzen aber sehr leicht von den Angehörigen der Besatzung überschritten werden. 
Obwohl Herr Rault hatte verſichern laſſen, daß das Militär seiner Autorität untersſtellt 
sei, Haben wir hier nie das Empfinden gehabt, daß er diese Autorität zur Geltung ge- 
bracht hätte. Zahlreiche öffentlich erhobene Beschwerden blieben unbeachtet. Ja, nicht 
einmal die Zusicherung, die Rault im März 1920 dem Völkerbundsrat gegeben hatte, 
daß kein Bewohner des Saargebietes in Zukunft vor ein Kriegsgericht gestellt werden 
  
135
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.