Full text: 5.1927 (0005)

Saarkalender für das Jahr 1927. 
  
Auch in unserer Gegend kam es allent- 
halben zu Volksversſammlungen, in welchen 
Entschließungen an die Ständeverſamm- 
lung in Berlin geſandt wurden. In einer 
„Adresse“ der Städte Sa ar b rü < e n und 
St. Jo h ann an den König heißt es u. a.: 
.. „K Önigliche Majeſtät.! Wir 
sind die Bewohner der äufß er- 
ſten Grenz ſta dt Ihres Reiches. 
An unsere Fluren ragen Fran k- 
reichs Berge mit der Fahne der 
Freiheit. Sie loc>t uns nicht. 
l Fur De. 7t l ates? 
wie es heute noch nicht iſt, aber 
wie es ſein wird und hervor- 
ge h en wird aus di eſen Tagen 
der Prüfung durch Freiheit, 
Einigkeit und die Kraft ſeiner 
Völk er. Möge ihren Beſtrebun- 
gen Gehör nicht  verſagt wer- 
d e n !“ (10. März 1848.) (Vergl. Saar- 
kalender 1925, S. 52.) 
Große Freude entstand deshalb, als Fried- 
rich Wilhelm IV. verſprach, eine Verfassung 
zu gewähren. Eine rieſige Volksmenge um- 
lagerte das königliche Schloß, wo am 18. 
März ein Patent zur Verfaſſungsfrage be- 
kannt gemacht wurde. Nur eine der Forde- 
rungen des Volkes, der Abzug des Mili- 
tärs, das im Schlosse zuſammengezogen 
war, blieb damals noch unerfüllt. Davon 
ging denn am gleichen Tage der Tumult 
ans. Aus den das Schloß umdrängenden 
Volksmassen erſcholl „plötzlich dér Ruf: 
fort _ese Jittur.. er gsevers! 
Schlosse vorrücken, um dessen unmittelbare 
Umgebung frei zu machen. In dem Ge- 
tränge, das nun entstand, entluden sich plög- 
lich zwei Schüsse, die dann den Anlaß zu 
furchtbaren Straßenkämpfen bildeten. 
Am 22. März erließ der König eine Prokla- 
mation, in der er die Nationalfarbe Deuttjſch- 
lands anerkennt und sich „ohne Uſurpation 
an Deutſchlands Spitze stellen werde, um 
dem deutschen Volke Einheit und Unab- 
hängigkeit zu bewahren.“ Sämtliche Trup- 
pen wurden aus der Reichshauptſtadt ge- 
zogen und durch Bürgerwehren ersetzt, die 
selbſt den Dienst beim Könige übernahmen. 
An der Saar blieb es mit Ausnahme ver- 
schiedener Demonſtrationen, die aber durch- 
weg friedlichen Charakter trugen, ruhig. So 
meldet eine Zeitungsnotiz vom 27. März 
über die Hiſſung des deutschen National- 
banners Schwarz-Rot-Gold auf der Dil- 
linger Hütte. Bei dieſer Gelegenheit 
hielt der damalige Direktor an die verſam- 
melten Arbeiter eine markige Anſprache, 
die mit dem Rufe: „Es le b e d as wi e- 
d ergeborene Deutſche Vater- 
Il a n d !“ endete. Am 28. März übersſandte 
die Stadt Sa ar louis „an die hohe 
Ständeversſammlung zu Berlin“ eine ,Peti- 
tion“, in welcher die Forderungen nach den 
Grundsätzen des deutschen Volkswillens er- 
hoben wurden. In einer weiteren Zeitungs- 
notiz „von d er Sa ar“ vom 1. April 
heißt es: „Auch in unser en Gauen 
iſt d ie Kun d e von der Erhebung 
des deut ſch en Volkes gedrun- 
gen; auch wir begrüß en die Mor- 
genröte der Freiheit und Zdetr 
Neug eſtaltung des deutſchen 
Vaterlandes, un d von Turm zu 
Turm,: von- Ort zu. Ort. wehecen 
sſ<h on die ſ< warz-rot-g old enen 
Vanner. als Zeichen deLr. Ein- 
tracht und Brüderlichkeit!“ – 
. Unterdes sollte eine in Frankfurt a. M. 
zuſammengetretene (18. Mai) deutſche Na- 
.tionalverſammlung eine neue Reichsver- 
fassung beraten. (Als Abgeordneter für die 
Kreise Saarbrücken und Saarlouis war der 
Advokat Anwalt Di etz ſ<h -S a ar - 
br ü cs en gewählt worden.) In dieſser 
Versammlung wurde am 29. Juni der Erz- 
herzog Johann von Oesterreich zum Reichs- 
verweſer erwählt. Innere Pearteisſplitte- 
rungen zerrütteten aber mehr und mehr die 
Versſammlung, während in mehreren Gegen- 
den Deutschlands, namentlich in Baden und 
Rheinbayern unter dem Vorgeben, die 
Reichsverfassung zur Geltung zu bringen, 
republikaniſche Aufstände losbrachen. Unter 
diesen Wirren zerfiel die Nationalversſamm- 
lung in Trümmer, ihre letzten Reſte 
(Rumpfparlament) zu Stuttgart wurden 
im Juni 1849 durch württembergiſches Mili- 
tär auseinandergetrieben. 
Im Verlaufe der Unruhen in Süddeutſch- 
land, zu deren Unterdrückung u. a. ein 
Füſilierbataillon des 30. Inf.-Reg ts. 
(Saarlouis) herbeigeeilt war, wurden fol- 
gende Soldaten aus unserer Gegend getötet 
bzw. verwundet: I m Gefecht von 
Wa gh äus el (21. Juni 1849 **): Füſ. 
Lud wi g Pü tz aus Du d we il e x, Bruſt- 
kugel; Füſ. Jo h. Müller aus Pach- 
t en, Kopfkugel; Füſ. M. Both, Ens- 
d o r f, Kopfkugel. – Verwundet: Unter- 
offiziee. Kirchberg, Dudweiler; 
  
**) Ich lasse deshalb die Namen der betr. Sol- 
daten anführen, weil in den genannten Ort- 
schaften sicher noch der eine oder andere Nach- 
komme anſäſfig iſt. 
  
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