Full text: 1926 (0004)

Saarkalender für das Jahr 1926 
Er hat ſich nur verſtelt! Er lebt noch, deshalb darf ich ſeinen Namen nicht nennen, aber vielen Hieſigen 
iſt er ſehr bekannt, der gute Burſche, der ſo furchtbar ſtottert. Gedient hat er dieſes Leidens wegen nicht, 
wie aber im Krieg auch die Ungedienten herangezogen wurden, betrachtete ſich ihn der Arzt mißtrauiſch etwas 
genauer. „Sagen Sie mal,“ ~ frug er ihn – ,,ſtottern Sie eigentlich immer?“ – ,, Enä,“ antwortete unſer 
Freund, „u–u~und e~erenur, ä–ä, w w w--wenn ich rede!“ – ,Ich meine,“ forſchte der Arzt weiter, 
„Sie verſtellen ſich? Geſtern abend habe ich Sie in der „Tonhalle“ gehört, da konnten Sie aber ſehr gut 
ſprechen!“ —– ,,Jaa“ = verteidigte ſich der andere da –~ „J –~9~–9~grad doh h–h–Âh–Âhann ich mich verſtellt!“ 
Die Ehrenpforte des „Abe“ für den König Stumm. Vielleicht lieſt der „Abe“ dies kleine Geſchichtchen, 
zu dem er den Anlaß gab. Aus Elversberg verzog er Ende der WNer Jahre, und was hatte dies herbei- 
geführt? Seine Ehrenpforte für den König Stumm! Der , Abe“ war einer der Bergleute, die, wie uns 
der Herr Hauptlehrer zu ſagen pflegte, „ihrem König den Pickel vor die Füße geſchmiſſen hatten“. Geſtrenge 
Herren gab es auch damals ſchon auf den Gruben und „Abe“ (eigentlich hieß er Iakob B.) blieb abgelegter 
Bergmann, der als Kolportagemann ſeine große Familie durchs Erdenleben zu bringen suchte. (Spezialität. 
Räuberromane, 100 Hefte je 10 Pfg.; daß Elversberg und Umgegend damals etwas vom Leichtweiß, Schinder- 
hannes, Feter, Petermann, Lips, Tullian u. a. erfuhren, verdanken ſie dem ,„Abe“.) Aber Schmalhans 
wurde immer mehr bei ihm Küchenmeiſter. Seine Kolportageliteratur machte ihn jedoch kühn und eines 
Abends gab es in der Kellerwohnung flinkes Arbeiten. In der Nacht pflanzte „Abe“ die Ehrenpforte vor 
das Haus in der Fichtenſtraße für den Hüttenbeſizer und Reichstagsabgeordneten Freiherrn v. Stumm. Als 
dieſer, wie jeden Morgen vom Halberg bei Saarbrücken in der Kutſche kommend, die Straße nach Neun- 
kirchen paſſierte, ſtand „Abe“ mit den Seinen (klein, kleiner, am kKleinſten) in bittender Haltung unter dec 
Ehrenpforte und trug ſein Anliegen, die Bitte um Arbeit, vor. Ihm wurde geholfen. Er wurde einer 
lothringiſchen Erzgrube zugewieſen, wo er heute durch den ,, Saarkalender“ an dieſe kleine Begebenheit 
wieder erinnert wird, wenn er noch lebt. 
Dom alten Profeſſor K. Die Schloßkirche bekam ein neues Geläute. Wie es eingeläutet wurde, ſtand 
ein bekannter hiesiger Profeſſor am Schloßberg und "ſauſchte den herrlichen Klängen. , Ein wunderbares 
Geläute!“ ſchrie ihm ein anderer ins Ohr. „Wie??“ frug er zurück und hielt die Hand ans Ohr. ,, Schönes 
Geläute!“ wiederholte der noch lauter. „Ach,“ entſchuldigte er ſich darauf, „die dummen Glocken, ~ bitte + 
ich verſtehe kein Wort!“ – Denſelben – das Gymnaſium war damals noch in der heutigen Friedenskirche 
ärgerten ſeine Schüler damit, daß ſie ſich auf die Fenſterbank ſettten und die Beine hinausbaumeln ließen. 
Eines Tages rügte er wieder: „Ich habe Ihnen ſchon hundertmal geſagt, Sie ſollen das laſſen!”t – Fällt 
mal da einer runter, wills natürlich wieder keiner gewejen ſein!“ –~ Einmal brachte er korrigierte Hefie 
mit, legte ſie auf den Tiſch in zwei Abteilungen, deutete darauf und sprach: „Hier habe ich heute zur Ab- 
wechſelung zwei Haufen hingeſett,“ und ärgerte ſich, als ſeine Schüler darob grinſten. „Wenn Ihr hier 
lacht,“ rief er erboſt, ,„ſetz’ ich gleich einen vor die Tür!“ 
Die ,, Mackenbacher“, bekannt als äußerſt tüchtige Muſiker, die ſogar „mehr tüchtig, wie ſchön" 
ſpielten, boten früher eine ſchöne Abwechſelung, von Str1ße zu Straße bis in die kleinſten Winkel ziehend, 
und wie die ſeligen Trompeter von Jericho, die Häuſer vnd Mauern umgeblaſen hätten, wenn dieſe nicht 
von ganz ſolider Bauart geweſen wären. Als wichtigſtes Attribut ihrer Kunſt trugen ſie neben der unver- 
meidlichen verblaſenen Trompete, den Schnappſack zur Aufnahme der Bettelpfennige, oder auch nahrhafter 
Gegenſtände, wie ſie z. B. Brot und Wurſt ſind, am Riemen über der Schulter. Nun weiß jeder, daß Macken- 
bach in der Pfalz liegt, und daß die Pfälzer neben ihrer „Goſch“ auch ein gutes Herz haben. Wie ſich das 
nun mal ſso fügte: Mackenbach bekam Einquartierung und die Soldaten hattens nicht ſchlecht dort, ſodaß 
am andern Morgen der Hauptmann ſeine Kompagnie faſt nicht zuſammenbringen konnte. Die Soldaten 
verſchliefen alle, weil ſie von der allzureichlichen Bewirtung der guten Mackenbacher den ausgiebigslen 
Gebrauch gemacht hatten. Bald kam dort einer her, der erſt halb angezogen war, bald öffnete ſich qier 
die Türe und herausſtürzte einer, der ſich im Heranſtürmen unterwegs erſt das Riemenzeug umſchnallte uſw. 
Zum Schluß, wie man glaubte endlich abrücken zu können, kam noch eilig ein alt Mütterlein an, in der 
hoch erhobenen Hand einen Brotbeutel ſchwingend, und dieſen in DVergleichsſtelung zum Schnappſack ihrer 
Landsleute bringend, riefs: „Sie, Herr Soldademeeſchder! Eener vu airre Bu hot ſai Berrelſack verlore!“" 
Die verkannten Krachkirſchen. Die Geſchichte wird ja in allen möglichen Variationen erzählt, ſoll auch 
bald in Schwaben, bald in Sachsen vorgekommen ſein. In Wirklichkeit aber ſtammt ſie aus Spichern. Dort 
wurden früher viele Kirſchen gepflanzt, beſonders ſchwarze. Krachkirſchen nannte man ſie, einer ihnen 
anhaftenden beſonders guten Eigenſchaft wegen. Wie ſie nun einmal dort beim Kirſchenabtun waren, der 
Dater S < o s \ e f auf der Leiter ſtand und den Korb am Kir ſchen h a k en aufgehangen, mit zweien 
Händen pflückend, auch dem unten ſtehenden S c< ä n g e l < e ab und zu eine Handvoll zum Naſchen zuwarf, 
rief dieſer mit einemmal: ,„Dadder, hunn die Kirſche aa Bään?“, eine Frage, die dieſer mit ,Enä!“ be- 
antwortete, worauf ſein Sprößling kalt meinte: „No, doh hunn ich ſ<hu widderemol ä Päärdsboobert (Miſt- 
käfer) gefräß!“ 
Ein neues Gewerbe. Bei einem Anſtellungsgeſuch jragte der Chef den ſtellenſuchenden Jüngling nach 
ſeiner vorherigen Beſchäftigung. Stolz erwidert der: „Ich war in einer Handelsſchule Angestellter!“ 1S07 
Als was?“ — ,Als Tiſchſchüttler!“ — ,„Wier Als was??“ = ,Als Tiſchſchüttler!“ und erläuternd fügt er 
bz ". nämlich immer die Diſche ſchittele miſſe, wann die Schieler geſchrieb hann: So war meine 
rift früher!“ 
Dom Kanalamt. Anfrage der Behörde, wohin die Ubwäſſer des Hauſes X. führen. Antwort der er- 
boſten Mieterin: „Mein Kahnal läuft dahin, wo ehr ſchon 30 Iahre hin läuft — in die Fiſchbach.“ 
  
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