Full text: 1925 (0003)

Saarkalender für das Jahr 1925 
Alte Baarbrücker Originale. 
Veach den „Jugenderinnerungen“ von Eduard Haas. 
Vier Mal im Jahre gab es in der ersten Hälfte der 5s0er Jahre für die Straßenjugend Saar- 
brückens ein Hauptgaudium: da kam der a lt e M a nk e aus einer Stadt Frankreichs, wie man sagte 
aus Bar-le-Duc, zu Fuß über Forbach nach Saarbrücken. Er sah aus wie ein polniſcher Jude und 
war Sommer wie Winter mit einem langen, bis auf die Füße reichenden, dicken Rock angetan. Diese 
Kleidung war wohl die Haupturſache, daß er in der damaligen Kleinstadt ſo auffiel. Schon wenn 
er die Metzerſtraße herunterkam, ging die Jagd los. Die bösen „Hahnebuwe“, wie die Jugend der | 
Metzerſtraße genannt wurde, verfolgten ihn mit dem Rufe: „Au, was e Milbe!“, auch „Was e Hecht!“, 
„Holl ne am Bandel un hall ne feſcht!“ Dies ließ sich der Alte aber nicht gefallen, sondern drehte 
ſich um und verfolgte die Buben mit seinem Stocke, ohne jedoch einen zu erwischen. Die Jagd ging 
bis auf den Kirchenplatz, wo der alte Manke im Poſtgebäude verſchwand und vorläufig nicht mehr 
zum Vorſchein kam. Man ſsagte, er ginge zum Poſtdirektor, wo er eine kleine vierteljährige Pension f 
ausbezahlt bekäme. Am nächsten Tage zog er, verfolgt von den Buben bis nahe an die Bellevue, 
wieder nach Frankreich ab. 
Von der Rußhütte kamen auch jeden Tag einige Originale in die Stadt. Da war zuerſt der jo- 
genantite „Lan d r at v on d er Ru ß h ü t t e“. Woher er den Namen hatte, war nicht bekannt; 
er war eine große kräftige Gestalt und ſchritt gemessenen Schrittes mit geschloſſenem Munde langsam 
durch die Straßen der Stadt; dann ging er wieder heim, ohne je ein Wort zu sprechen, auch wenn 
er angeredet wurde. 
Donn kam der R u ß h üt t e r Sch or ſ ch, faſt immer in einem alten abgetragenen Militärrock, 
woran er ſich allerhand Fantafieorden gehängt hatte. 
Ferwer kam von Gersweiler „d e r a lt e J uh l“ zweimal in der Woche in die Stadt. Er hatte 
einen großen Korb an der Seite, den er morgens leer mitbrachte und abends voll heimſchleppte. Er 
bettelte eigentlich nicht, sondern wünſchte nur den Leuten das neue Jahr an, er ging in faſt alle 
Höäuſer, we er auch meiſtens etwas bekam. Geld wollte er nicht. Da er nun mit seinen Neujahrs- 
wünſchen zu Neujahr nicht fertig werden konnte, so dauerte dieses Wünſchen fast. das ganze Jahr. 
Wenr er ſo z. B. mitten im Sommer bei irgend einer Familie vorſprach, so wiederholte er nichl 3- 
deſtoweniger seinen Gruß: ,„Proſscht Neijohr, de Juhl is do!“ : 
  
Friehling in Saabrigge. 
Unner dr alden Brick Unne de Stade langſcht 
Spielt mr ſchon Klicker. Spaziere die Mäde; 
Saan doch, ihr liewe Leit, Soll ich mol froe gehn, 
Sinn mr denn ſchon ſo weit ? Waruni ſe heit ſo ſcheen ? 
Der Friehling sollt’ kumme, Das Friehjohr is ſchuld daran, 
Der Friehling sollt’ kumm? Das Friehjohr is ſchuld. 
Hinne im Woogbachdal Owe, am Winterberg 
Bliehe ſchon Kirsche. Zwitſchert's ſchon luſchtig. 
Horch, wie das Muellche dort Ei, singt aach widder ball 
Schwätzt als in änem fort, Fink, Lerch un Nachtigall ? 
s' will nit verſtumme, Muſcht nur Geduld han, 
s' will nit verſtumm. Nure Geduld! 
Driwe im Daarlerwald 
Weht e gutt Liftche; 
Macht alle Bliemcher wach, 
Peift unner jedes Dach : 
„Der Friehling wird kumme, 
Der Friehling wird kumm!“ 
Victor Kolon, Saarbrücken 2. 
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