Full text: 3.1925 (0003)

  
Saarkalender für das Jahr 1925 
Des alten Hoffmann Erdenreiſe. 
Eine unwahrſcheinliche Geschichte vom letzten Nachtwächter von Saarbrücken. 
Von Ludwig Bruch. 
Wie, Sie kennen den. alten Hoffmann nicht? Dann kennen Sie auch nichts von 
jenem gemütvoll-freundlichen Idyll, als der Hoffmann einſt mit Tutehorn und Pieke 
durch die Straßen ſchritt. 
; Dong! + so hallt's von der Schloß- und Ludwigskirche über die Dächer und Zinnen 
der Stadt, durch die krummen Gäßchen und verträumten Winkel. Dong! Dong! 
zittert's durch das moosige Gemäuer, wobei der Mond lachend geſpensſstiſche Schatten 
über das holprige Pflaſter wirft. Die Läden der kleinen Häuschen ſchließen sich, die 
Lichter verlöſchen +– nur drüben in der „Grünen Hand“, da rumort's und poltert's 
und der Küfer zieht beim Skat einen Trumpf und noch einen und zum dritten und 
„verflucht und zugenäht“ macht er die Stiche. 
Dong! Dong! Poch! Poch! Alt-Saarbrücken ſchläft und wacht. Da ſchreitet der 
alte Hoffmann fürbaß mit Mantel und Mütze und der Pieke und dem Tutehorn und 
pfeift und schmunzelt und läßt den lieben Gott einen guten. Mann sein. Friedlich, wie 
er gesonnen, macht er die Runde, niemand zu Leid und niemand zum Wehr,, grüßt die 
Gevattern, die knarrend die Haustüre ſperren und noch lieber die Bäschen, die hinter 
den Läden hervor noch gern ein Schwätzchen. machen. Nur wenn die verfluchten Rackers, 
die Buben, ihn hänseln und necken, da fährt er mit der Pieke dazwischen und wünſcht 
die lauſige Bande fluchend zum Henker: 
„Geener furd! Ihr Himmelsherrgottsſakramender — st! 
Und sehen Sie, dieser alte Hoffmann hat ~ wie irgendwer mir glaubhaft ver- 
ſichert –} im seligen Elyſium den lieben Petrus gebeten, ihn einmal wieder hinunter 
zu lassen nach Saarbrücken, ein einziges Mal wieder in die „Grüne Hand“, um einen 
Skat zu kloppen und den prahlenden Küfer hereinzulegen, ein einziges Mal wieder 
in die Vorſtadt- und Suppen- und Linſen- und Kirchgasse, ein einziges Mal wieder 
unter die Buben, um ihnen mit Stock und Pieke Mores beizubringen: 
„Geener furd! Ihr Himmelsherrgottssſakramender – ~– dr Hoffmann is do!“ 
. „Mein lieber Hoffmann,“ sagt der Peter + „das geht nicht!“ Und der Hoffmann 
weint und bettelt und jammert und drängt und bittet und wimmert: „Liewer gudder 
Pedrus — än änſich mol . . .1 
„Schalk,“ spricht da wiederum der hohe Herr, „erinnere Dich Deiner Antrittsrede, 
als Dir in Gnaden das Tor geöffnet ward. Den gangen Tag über ſchimpfteſt Du über 
die Rackers in Saarbrücken, die Dich hänfelten und ärgerten, Dir Unrat an Deinen 
Hausdrücker strichen und Dich nächtens am Schloßplatz in die Arme faßten, um den 
f!ſwann im Laufschritt bis ins Tal zu ſchleppen! Erinnere Dich, wie Deine Bruſt 
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„in Deiner Zeit und ein Nachtwächter wie Du paßte da hinein? Ohne Shimmyſchuhe 
kann ich Dich nicht hinunterlassen und schließlich werde ich das himmliſche Renommoe 
dot lues „Lohtplichters wegen nicht auf's Spiel sezen. – Hoffmann, daraus 
high tröſtend setzte er, ſich mit dem Himmelsſchlüssel den langen Bart ſtreichend, 
„Hoffmännchen, Autos und Straßenbahnen werden Dich tot fahren und Deine 
zweimal körperloſe Seele wird dann vergebens nach einer neuen Ruhſtatt ſuchen.“ 
. Doch der alte Hoffmann weint noch mehr und verlangt das Himmelsglas von 
Zeiß in Jena, um ſich von der Gefährlichkeit der Dinge da unten zu überzeugen: 
ät j Lroser Peder, nure än mol, än änsich mol, sie werre mich dord unne ſicherlich 
Und der Peter iſt ſchließlich kein Unmenſch und ſchreibt der drängenden Spreeb 
Paß und Ursprungszeugnis mitsamt einer Bulle, daß er geborener Saarländer ſei, 
gibt ihm zur Freifahrt auf den ſaarländiſchen Bahnen ein Militärbillett, Zettel für 
  
pr:s!. uu Zoll und ſchickt dann den Ober-Cherubim nach dem himmlischen Luft.. 
„Runter mit dem Hoffmann nach Saarbrücken H. B., via Neptun~Marst!“ 
  
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