Full text: 1925 (0003)

Saarkalender für das Jahr 1925 
  
da regte sichs im zweiſchläfrigen Ehebett und seine Frau frug, höchſtes Erstaunen in der 
Stimme: 
„Ei, Lui, was machſchde dann ?“ 
j „Ach Du!“ erwiderte er vorwurfsvoll, seinen überaus melodischen Gesang unter- 
 dbrechend. „Du kinnſcht ſchlofe wie e Ratz! Bei Dir kinnt's Haus abbrenne, Du dätſchſts 
nit heere! Schunn seit zwei Stunn huck ich dr doh an dere Wieh un frier m’'r die Bään 
in de Leib un schockele, weil sich der Klääne ball de Hals abkreiſcht. Zwei Windle hann 
ich 'm ſschunn unnerleje miſsse, ſo naß hat sich das aarm Kerlche gemacht!“ ,„Ja,“ erwiderte 
darauf ſehr anerkennend seine Frau, „das wär jo alles ganz gutt un recht un ich däht 
  
dr 's ſchließlich jo aa glaawe, wann ich nit zufälligerweis ſchunn seit giſchher Omend 
nein Uhr dä Klänne bei mir im Bett leije hätt.“ Da legte er sich stillſchweigend daneben! 
Um ihm aber Gelegenheit zu geben, in der Kinderwartung sich etwas einzuleben, erteilte 
ſie ihm eines schönen Tages, als sie „uff e Kaffeeviſitt“ bei „Kuhne Durdel“ ging, bei 
denen die altsaarbrücker Damen bei allerlei Selbſtgebachkenem Mirwes (Mürbekuchen) 
und äußerſt anregenden Schwätzchen, auch so leicht den Heimweg nicht fanden, den ehren- 
vollen Auftrag, „noh-m Naachtglockleite“ die gesamte Kinderſchar ins Nest zu legen, 
welchem Auftrag er sich mit vielem Pflichteifer unterzog. „Nure der ähn, nure der ähn“ 
konnte er darauf mit voller Gewissensruhe treu erfüllter Tagesarbeit seiner Frau, auf 
ihre Frage beim Nachhauſekommen berichten, „der äöhn, der ähn, der will nit ſchlofe un 
will nit ſchlofe; der kreischt schunn so lang, wie 'r im Nescht leiht!“ 
„Wie kurios!“ meinte sie durch diesen seltsamen Fall nichtgewohnter Widerspenſtig- 
keit eines ihrer ſonst ſo braven Nachkommen und beugt sich teilnehmend übers Bett: 
„Dbſcht, bscht!“, drehte sich aber zürnend sofort mit einem herzhaften: „Dirmel! das doh 
loo: ich!“ widder um un sagte: „Das is jo gar käner vun uns, das is jo Linglerſch 
ine seiner!“ 
[Sonst aber und allgemein hatte er ein qutes Augenmaß zur Beurteilung auch nicht 
. alltäglicher Dinge, weshalb er durch. das Vertrauen seiner Mitbürger mit dem verant- 
wortungsvollen Amt eines Geschworenen beehrt wurde, bei welcher Gelegenheit er auch 
einmal einen schweren Kriminalfall auf Grund Rechtens erledigen half. 
Als er nämlich eines schönen Tages eine reiche alte Witwe in seinem Beruf als 
Schreiner einsargte, entdeckte man, daß dieser guten Frau der Hals durchgeſchnitten war. 
Lag nun Selbstmord, Mord. oder nur Totschlag vor? Das waren die drei Fragen, die 
schließlich die Geschworenen einem unter Anklage stehenden nahen Verwandten der Toten 
gegenüber zu beurteilen hatten. Ich weiß nicht, die Sache muß wohl doch nicht so ganz 
ſauber für den Angeklagten gewesen sein, denn seine Familie steckte sich hinter unseren 
biedern Meister mit dem Angebot eines nicht zu kleinea Batzens „Raſsebaſseh!“, wie 
man das nannte, ihm hoch und teuer anbefehlend, doch ja die andern Geschworenen dahin 
mit aller Macht zu bearbeiten, daß sie, um aller Heiligen willen, nur auf Totſchlag er- 
kennen würden. Was auch geſchah. 
Dankerfüllt kommt darauf die gesamte Anverwandtſchaft nach der Sitzung zu unserm 
Freund, ihm das Geschenk anbietend, welches anzunehmen er aber ablehnt. 
„Ach“, meint eine Dame des Hanes überredend: „Nehmen Sie nuren, Sie haben es 
Uh F?ttientt ss wird wohl nicht so leicht gewesen sein, das Verdikt auf nuren Tot- 
„Jo“, meint er da bestätigend, und kratzt sich hinterm Ohr: „Leicht war's gewiß nit, 
un viel ſchwätze hann ich misse. bis ich die Annere zum Dotſschlag gebrung gehatt hann. 
Die wolltene nämlich allegar freiſpreche!‘ Darauf soll ihm niemand mehr Geld auf- 
zunötigen verſucht haben! Auch nicht, als er dem Buchta – dem ganz altea , deſſen 
Fuer sch Hofeuſthus beim Fürſt Ludwig von Nassau-Saarbrück war, den Baß zweimal 
.. In iener Zeit wurde als Leimbehälter noch der eiserne Dreifuß mit Handhabe benutzt, 
tiſt on zerrt htte liche Fet-tbefer it Eittot; und als dann der alte Firchte) hazp. 
los, . rat hrachte u fligte. LU eki er l n frettem oo h ' h eſne <telle 
löſt die gange Decke ringsum los, gibt gehörig Leim an, legt die Decke wieder sauber 
über den Zarchen, setzt seine Schraubzwingen an und betet, damit es besser hält, das '.! 
alte Schreinergebet: Ds; : 4f 
tut ut zee. 
Wenn ich nicht mehr lebe, 
Dran brauchſcht nimmeh zu klebe! 
  
1 
Saarkalender 1925 ; j § 6
	        
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