Full text: 2.1924 (0002)

  
  
  
Saarkalender für das Jahr 1924. 
verteidigt, besonders auch die Politik, die sich um den Bergarbeiterſtreik drehte. Als ſich die 
Zahl der Leute verlaufen hatte, blieben noch einige wenige zurück; zu ihnen gesellte ſich eine 
ältere Engländerin. Sie frug einen ihrer Rachbarn, was da verhandelt würde. Die Antwort 
lautete: Saarfragen. „Oh, that 's very interesting!“ Nach längerem Schweigen frug sie: „Wo 
liegt die Saar?“ Als ihr gesagt wurde, daß das Saargebiet ein Teil Deutſchlands sei, der 
vom Völkerbund verwaltet werde, da frug sie, während der Präsident Rault gerade eine heftige 
Verteidigungsrede hielt: „Und der dicke Herr, der da ſo heftig iſt und mit der Fauſt auf den 
Tisch ſchlägt, das iſt wohl der Deutsche?“ Darauf die Antwort: „Nein, das iſt der Franzose, 
Präsident der Regierungskommission des Saargebietes,“ worauf mit dem Ausdruck ſichtlicher 
Enttäuſchung ein sehr langgedehntes: „Ooh ~ that is very interesting indeed . *) Nach 
dieſem Ausdruck der Enttäuſchung zog ſie sich ſchleunigſt zurück. Nach ihrer bisherigen Vor- 
tr roſte die Pertauſchung der Rollen in ihren Geiſt nicht mehr hinein. Sie wollte von 
r Welt nichts mehr ſehen. 
  
*) Ooh! Das ist wirklich ſehr interessant! 
  
Luſtige Ecke. 
Die Sachſen auf dem Münchener Turnfest. Ein Saarländer berichtet uns folgende Szene. 
Bei den von 35 000 Turnern ausgeführten Freiübungen verſperren zwei Schutzleute mehreren 
Sachſen die Aussicht auf dies seltene Schauspiel. Der eine ruft: „Härn se, Sie da vorne, 
wolln se mal nicht ä bißchen 'riebergehn!“ Keine Wirkung. Erneut von hinten: „He, Ihr 
beede, wollter nich aus der Windrichtungl“ Keine Wirkung. Da folgender Erguß: „Zum 
Deiwel, globn se wohl, mir sin gegomm. um die beeden D i m m ſ e n von München ze ſähn; 
mir ſin gegomm, um die Dorner ze ſähn.“ Erfolg, denn die beiden Schutzleute gehen 
langſam aus der „Windrichtung“. 
_ Die neueſte Erfindung. Eine alte Frau aus Heiligenwald kommt zu einem Optiker, um ſich 
eine Brille zu kaufen. Optiker: „So, dieſe wird paſſen, nun könnt Ihr gut Eure Zeitung lesen.“ ~ 
„Ich leſ’ kei Zeitung.“ ~ „Na, dann doch Euer Gebetbuch!“ ~ „Ich leſ’ kei Gebetbuch.“ ~ „Aber, 
wozu braucht Ihr denn eine Brille?“ –~ „F or n S un nt a g !“ Die Alte ſieht sich um und 
bewundert ein Barometer. „Was is denn das do?“ ~ „Das iſt die neueſte Erfindung, die zeigt ſtets 
24 Stunden vorher an, ob der Franec ſteigt oder fällt. Zeigt der Apparat schön Wetter, so ſteigt er 
am nächſten Tag riesig, zeigt er Sturm, dann purzelt er in ganz kurzer Zeit wie die Mark!“ ~ 
„Doch! gebt's her, das kann mer brauche, packt's ſcheen in, mei’ Mann werd' ſich freie!“ 
„In den Augen liegt das Herz!“ Zu einem ſaarländiſchen Pfarrer kommt eines seiner früheren 
Dienstmädchen und erbittet ſeinen Rat in der Heiratsangelegenheit. Der Geiſtliche kennt den 
Bräutigam als rohen und gewalttätigen Burſchen und rät von einer Ehe mit dieſem Mann ab. 
Das Mädchen iſt aber entzückt von der körperlichen Schönheit des Schatzes und ſchließt ihre Schutz- 
rede: „Herr Pfarrer, er mag ſchlecht sein, aber das Auge will auch etwas haben!“ Schon nach einem 
Jahr erscheint die junge Frau, körperlich mißhandelt, mit blauverhauten Augen, und jammert. Der 
Pfarrer: „Ja, mein Kind, Dein Wunſch iſt erfüllt, das Auge will auch etwas haben!“ 
Zeitgemäß. Eine Lehrerin erzählt in einer Mädchenschule (2. Jahrgang) in Malstatt die Ge- 
ſchichte vom Paradies nach dem Apfeleſſen und ſagt: „So wurden Adam und Eva vom lieben Gott 
aus dem Paradies aus g e wi e ſ e n.“ Elſe: „Fräulein! Machte es der liebe Gott so wie die 
Franzosen, oder durften sie ihre Möbel mitnehmen?“ 
Paſſion oder Paßion? Die Einführung neuer Paßkarten für die Reiſen jenseits des Rheins 
verurſachte wahre Volksstürme auf das Paßbüro. Stundenlanges Warten in fürchterlicher Enge, 
ein fortwährendes Drängen und Drücken der Ungeduldigen. Um endlich einen Paß zu erhalten, 
muß man alle Leidensſtationen durchmachen, eine richtige „P a ß i o n“. 
Zeichen der Zeit. Eine Frau kocht für die ziemlich zahlreiche Familie Erbsen mit Speck. Als 
beim Eſſen der Hausvater den Speck, der infolge der teuren Zeit an äußerlicher Fülle etwas 
beſcheiden ausgefallen iſt, aufteilen will, sagt er: „Soviel hamm'’r frieher grad’ in die Maus- 
fall’ gedohn!“ : 
Im Eisenbahnwagen. Nach der Hochzeitsreiſe sien die jungen Eheleute im Abteil 2. Klasse. 
Es entspinnt sich folgender Dialog: „Sitzſt Du auch bequem, Schatzi?“ — „Ja, Geliebter!“ 
„Sind die Polſter auf Deinem Platze weich, mein Engel?“ ~ „Wundervoll weich!“ — „Zieht es bei 
Dir auch nicht, mein Engel?“ ~ „Nein, garnicht!“ .– „Na, dann wollen wir die Plätze wechseln. 
Die Kinder eines Aerztes haben die Geheimnisse des Vaters erlauſcht und spielen „Sprechstunde“. 
„Wie geht es Ihnen? Na, das ist jedenfalls nicht so schlimm, wie Sie denken. Zeigen Sie mal die 
Zunge! O, gut! Der Puls, hm, hm, regelmäßig. Run sagen Sie mal, wie iſt's mit dem 
Fahrstuhl?“ 
  
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