Full text: Entnazifizierung in Rheinland-Pfalz und im Saarland unter französischer Besatzung von 1945 bis 1952

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sungskriterien - statt 1933 das Beitrittsjahr 1937 als auch die Durchführung der 
Kontrollratsdirektive Nr. 24 abgelehnt. Dadurch konnte der totale Zusammenbruch 
der Wirtschaft und Verwaltung, der Ende 1945 in den Ländern der amerikanischen 
Zone eintrat, und der daraufhin dort einsetzende radikale Umschwung zu einer mil 
den Entnazifizierung verhindert werden. 
Das französische Entnazifizierungsverfahren wurde durch zwei grundlegende Direk 
tiven im Herbst 1945 festgelegt. Der Schwerpunkt lag auf dem individuellen Über 
prüfungsverfahren für die Masse der politisch geringer belasteten Nationalsoziali 
sten. Für sie wurde die Alternative Entlassung oder provisorische Weiterbeschäfti 
gung durch ein abgestuftes Sanktionensystem ersetzt. Deutsche Organe wurden zur 
selbstverantwortlichen Mitarbeit herangezogen. Der Charakter eines politischen 
VerwaltungsVerfahrens wurde durch die Vertretung aller gesellschaftlich relevanten 
demokratischen Kräfte (Parteien, Gewerkschaften und Kirchen) verstärkt. Durch die 
Mitarbeit von Vertretern der betroffenen Berufsgruppen in den Organen sollte ver 
hindert werden, daß die Entnazifizierung ohne Rücksicht auf die sachlichen Notwen 
digkeiten durchgeführt wurde. Ein zweiinstanzliches Verfahren unter französischer 
Kontrolle sollte dem jeweiligen Einzelfall gerecht werden. Die Einrichtung eines 
Einspruchs Verfahrens, das vor allem für die automatisch entlassenen NS-Aktivisten 
geplant war, sollte erst nach Abschluß der laufenden Verfahren eingerichtet werden. 
Ziel war es, die Überprüfungen möglichst schnell durchzuführen, um sich danach 
ungestört dem Wiederaufbau widmen zu können. Die öffentliche Verwaltung und die 
Führungskräfte in der Großindustrie wurden zuerst entnazifiziert. Für andere wich 
tige gesellschaftliche Bereiche wie Kirchen, Presse und Kulturwesen wurde nach und 
nach ein den jeweiligen Bedingungen angepaßtes Verfahren entwickelt. Die damit 
beginnende zweite Phase verlief trotz der zentralen Richtlinien aus Baden-Baden in 
den untersuchten Ländern unterschiedlich. Während in Hessen-Pfalz und im Saar 
land die Verfahren zügig durchgezogen wurden, verzögerte sich die Einrichtung der 
Organe in Rheinland-Hessen-Nassau; dort wurden auch die Sanktionen nur mit 
großer Verspätung durchgeführt. Zwei Faktoren waren dafür ausschlaggebend: die 
unterschiedlichen Ausgangsbedingungen in den einzelnen Ländern - bereits vorhan 
dene politische Infrastrukturen oder Neuaufbau der Verwaltung - sowie der Stellen 
wert, den die jeweilige Militärregierung und die deutsche Verwaltung der Entnazifi 
zierung beimaßen. Als besonders effektiv erwies sich dabei die Zusammenarbeit 
zwischen den Entnazifizierungsorganen der Pfalz und dem Service Epuration in 
Neustadt. Die Situation im Saarland war durch eine enge Kooperation der saarländi 
schen und französischen Beteiligten gekennzeichnet, wie sie besonders im Conseil 
Superieur d'Epuration bestand. In diesen beiden Ländern räumte die Militärregierung 
der deutschen Verwaltung aufgrund der weit vorangeschrittenen Entnazifizierung das 
Recht ein, eine Art Einspruchsinstanz zu schaffen. 
Die Umsetzung der Kontrollratsdirektive Nr. 38 und die gleichzeitige Erweiterung 
der Kompetenzen der deutschen Verwaltungen brachten einen grundlegenden Wan 
del in der Entnazifizierung. Obwohl die Militärregierung in Baden-Baden die Be 
stimmungen der KR 38 als Bestätigung ihrer bisherigen Politik ansah und streng dar 
auf achtete, daß die verschiedenen deutschen Ländergesetze ihre Vorgaben beachte
	        

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