Full text: Entnazifizierung in Rheinland-Pfalz und im Saarland unter französischer Besatzung von 1945 bis 1952

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Werksdirektor der Saargruben R. erhielt ihn bereits im März 1946. In mehreren Fäl 
len hatte sich die Militärregierung die endgültige Entscheidung längere Zeit Vorbe 
halten. Die Bescheide lauteten aufgrund der formalen Belastung der Betroffenen in 
den meisten Fällen auf "Entlassung ohne Pension; Beschlagnahmung des Vermö 
gens". Die Durchführung der Sanktion wurde in der Mehrzahl der Fälle von der Mi 
litärregierung bis zur Entscheidung im Spruchkammerverfahren aufgeschoben. 
Bis auf zwei Fälle, in denen ein Strafverfahren anhängig war, wurden alle Fälle zwi 
schen Januar und August 1948 vor der Spruchkammer verhandelt. Nur in zwei Fällen 
wurde eine Berufungsverhandlung durchgeführt, die beidesmal mit einem milderen 
Urteil endete. In den Spruchkammerverhandlungen zählten formale politische Bela 
stungen wie Parteimitgliedschaft, Titel, Ämter oder hohe Positionen in der Saarwirt 
schaft wenig. Nur ein deutlicher NS-Aktivismus wirkte verschärfend. Die ideelle und 
materielle Unterstützung des NS-Regimes durch öffentliche Funktionen als 
"Herzeige-Nazis" und Mitarbeit in der Kriegswirtschaft wurden von der Spruch 
kammer nicht als belastend angesehen. Von Interesse war für die Spruchkammer nur 
gerichtsverwertbares Beweismaterial; nachweisbare Nutznießerschaft durch die Par 
teizugehörigkeit und Kriegsgewinne, Mißhandlung von Fremdarbeitern und Verstöße 
gegen geltendes Recht. Hierbei zeigte sich das Unvermögen der Spruchkammern, 
Schuld festzustellen. Lag der Verdacht auf Fremdarbeitermißhandlung vor, wurde 
der Fall an die Staatsanwaltschaft abgegeben; stellte diese das Verfahren mangels 
strafrechtlicher Beweise ein, sah die Spruchkammer auch keine politische Belastung 
mehr vorliegen. Das Vorliegen einer Nutznießerschaft konnte in Fragen der berufli 
chen Karriere einigermaßen sicher geklärt werden. Die Spruchkammer war aber 
überfordert, wenn es darum ging, Kriegsgewinne zu ermitteln. Sie verließ sich dabei 
völlig auf die Aussagen von Firmenangehörigen oder des Betroffenen selber. 
Bei zwei der 30 untersuchten Industriellen stellte die Spruchkammer fest, daß sie 
ohne jede politische Belastung im Sinne der RAO waren. Als nominelle Nationalso 
zialisten wurden weitere 22 Personen aufgrund der Verordnung Nr. 133 amnestiert. 
Eine Person wurde als Mitläufer, vier als Minderbelastete und ein Industrieller auf 
grund seines NS-Aktivismus als Schuldiger eingestuft. Während die Nationalsoziali 
sten in der Arbeitnehmerschaft bis zum Inkrafttreten der Mitläuferamnestie im No 
vember 1947 ihre Geldbußen zahlen mußten 135 , ging die Mehrzahl der Industriellen 
unbeschadet aus der Entnazifizierung hervor. Für den Bereich der Privatwirtschaft 
läßt sich also eine ungleiche Behandlung von "großen" und "kleinen" Nationalsozia 
listen feststellen. 
135 Bis zum Inkrafttreten der Mitläuferamnestie am 17. November 1947 mußten Beschäftigte von 77 Be 
trieben des Saarlandes Geldbußen entrichten. Danach reduzierte sich die Zahl stark. In den Röchling 
werken Völklingen mußten Anfang 1948 nur noch fünf Beschäftigte (gegenüber 157 im Jahr 1947) 
Geldbußen zahlen; VK/Epuration an die einzelnen Betriebe, 5.12.1947; LA SB OSR 155 u. 156.
	        

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