Full text: Entnazifizierung in Rheinland-Pfalz und im Saarland unter französischer Besatzung von 1945 bis 1952

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Die SPD 
Anhand einer kleinen Blutenlese aus dem Beschwerdebuch gegen die Entnazifizie 
rung sorgte der Abgeordnete Hans Hoffmann (SPD) für Heiterkeit: 
Dem einen ist es zu viel, dem andern zu wenig, dem einen geht es zu schnell, dem 
anderen zu langsam, dem einen nicht gründlich genug. Im allgemeinen werden 
die Falschen entlassen oder nicht, oder sie werden entlassen, sind aber noch da 
(Gelächter!), sie werden strafversetzt, sind aber noch da, oder der Pensionierte 
wird entlassen, der Amtschef bleibt. Aber auch umgekehrt vielleicht. Vielleicht 
waren die Kleinsten die Schlimmen, die damals auf den Autos durch die Straßen 
fuhren. Während man die Großen gar nicht leicht entbehren kann oder weiter, 
die Anständigen werden das Opfer eines wilden Denunziantentums, in dem sich 
heute eine mißverstandene Freiheit austobt, während die Geschäftstüchtigen 
sich mittels einer Papierflut von Unbedenklichkeitszeugnissen mit Reinwasch 
mitteln durchmanövrieren. 
Hoffmann gab zu, daß es außerordentlich schwierig sei, vernünftig und gerecht zu 
entnazifizieren. Die politische Säuberung sei derjenige Verwaltungsbereich, der als 
einer der ersten den Deutschen in nahezu selbstverantwortlicher Ausübung übertra 
gen worden sei: Hier konnte sich also die Demokratie und mit ihr alles, was sich als 
deutsch ausgab, zu ihrem Heile oder Unheile austoben. Die Folge sei eine Mischung 
von Unfähigkeit und Korruption gewesen. Hoffmann wollte zwar den Charakter der 
Entnazifizierung als ein politisches Verwaltungsverfahren beibehalten, andererseits 
aber Humanität und Rechtsstaatlichkeit stärker zur Geltung bringen. Das laufende 
Verfahren sei vom eigentlichen Ziel abgekommen und zu einem Massendisziplinar 
verfahren geworden. Als Zweck der Säuberungsmaßnahmen nannte er den Schutz 
der neuen Demokratie vor nationalsozialistischer Sabotage. Es sei nicht ihr Ziel, die 
Betroffenen zu diskriminieren, zu verfemen oder für ihre Parteizugehörigkeit als sol 
che zu bestrafen. Er fand sich in der grotesken Situation wieder, ein Plädoyer für die 
Nationalsozialisten halten zu müssen: Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, daß 
ausgerechnet meine Partei sich heute in die Lage versetzt fühlt, aus Gründen der po 
litischen Sauberkeit wie der politischen Vernunft Gerechtigkeit für die Pgs zu ver 
langen. Die Entnazifizierung schaffe aber ein neues und schwierigeres Problem, 
nämlich das der Wiedereinordnung der ehemaligen Pgs in den neuen Staat. Wichti 
ger als die Entnazifizierung sei daher die "Säuberung der Gehirne" - Entlassungen 
und Geldbußen würden nicht bekehren, sondern nur verärgern: Wir wollen nicht, wie 
Hitler, uns einen inneren Feind aufs Eis legen, damit wir ihn später als Sündenbock 
und Blitzableiter hervorziehen können. Wir möchten unter das Problem der Nazis 
einen Schlußstrich gezogen sehen, und zwar möglichst bald * 5 . 
Auch sein Fraktionskollege, Provinzkommissar Hans Becker, betonte, daß es ein 
nicht wiedergutzumachender politischer Fehler wäre, ein Heer von grollenden, un 
Hermans und seiner Tätigkeit am NS-Sondergericht: Küppers, Heinrich: Hubert Hermans 
(1909-1989). Bevollmächtigter des Landes Rheinland-Pfalz in Bonn, in: JWLG 16 (1990), S. 521-536. 
5 Hoffmann (SPD): BLV Drs. Nr. 9: Sitzungsprotokoll, 19.2.1947, S. 21 ff.
	        
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