Full text: Entnazifizierung in Rheinland-Pfalz und im Saarland unter französischer Besatzung von 1945 bis 1952

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ven zeichneten sich durch den Versuch aus, das Problem des Nationalsozialismus re 
alistisch anzugehen und den Betroffenenkreis von vornherein einzuschränken; trotz 
dem wurde der Zeitrahmen weit unterschätzt. Die automatischen Entlassungsbe 
stimmungen des alliierten SHAEF-Handbooks aus der Anfangsphase der Besatzung 
wurden beibehalten, um sich zuerst der Masse der geringer politisch Belasteten in ei 
nem individuellen Prüfungsverfahren widmen zu können. Erst nach Abschluß dieser 
Verfahren sollte die Möglichkeit einer Einspruchsinstanz geschaffen werden und die 
Überprüfung der entlassenen oder internierten NS-Aktivisten und Mitglieder der ver 
brecherischen Organisationen beginnen. 
Die frühzeitige Beteiligung deutscher Organe an der Entnazifizierung sollte den 
deutschen antifaschistischen Kräften die Möglichkeit geben, sich in Verantwortung 
zu üben und den Aufbau des neuen demokratischen Staates aus eigener Kraft gegen 
nationalsozialistische Einflüsse abzusichem. Die Militärregierung achtete darauf, daß 
die politischen Parteien in die Entnazifizierung einbezogen wurden und deren Cha 
rakter als politisches Verwaltungsverfahren verstärkten. Die Entnazifizierung als 
Voraussetzung und Mittel der Demokratisierung entsprach auch dem Ziel der Mili 
tärregierung, sich schrittweise auf eine indirekte Verwaltung zurückzuziehen. 
Das französische Entnazifizierungssystem zeichnete sich durch eine große Flexibili 
tät aus. Abgestufte Sanktionen und der Versuch eines Ausgleichs zwischen Sach 
zwängen und politischen Zielen sowie auf die jeweiligen Berufsgruppen abge 
stimmte Verfahren versuchten dem Problem gerecht zu werden. Ergänzende Be 
stimmungen des Baden-Badener Service Epuration bauten das Verfahren im Jahr 
1946 zu einem in sich geschlossenen System aus. Gleichzeitig war die Entnazifizie 
rung auch Teil der französischen Dezentralisierungspolitik. Die Zentrale der Militär 
regierung in Baden-Baden beschränkte sich darauf, durch Rahmenrichtlinien und die 
Ausübung einer koordinierenden Kontrolle die Einheitlichkeit der Entnazifizierung 
in der französischen Zone zu wahren. Sonderentwicklungen in den Ländern waren 
die natürliche Folge dieser Politik; sie hielten sich aber im vorgegebenen Rahmen. 
Auch die Entnazifizierung in Württemberg-Hohenzollem bildete kein Gegenmodell 
zur französischen Entnazifizierungspolitik, wie es Klaus-Dietmar Henke darstellte. 
Die Militärregierung in Baden-Baden sah darin eher eine Fortentwicklung des eige 
nen Verfahrens und empfahl den Ländergouvemeuren, die positiven Elemente der 
neuen Rechtsanordnung zu übernehmen. 
Im Saarland verlief die politische Säuberung parallel zu den anderen Ländern der 
französischen Zone; allerdings drängten Laffon und die Regierung in Paris hier auf 
eine zügigere Abwicklung und weitgehende "Entpreußung". Ausweisungen als Mit 
tel der Entnazifizierungspolitik blieben auf das Saarland beschränkt. Ihren Ursprung 
hatten die Ausweisungen in dem spezifischen französischen Deutschlandbild, ihr 
"Vorbild" in der deutschen Besatzungspolitik im Elsaß und in Lothringen. Obwohl 
sie offiziell als Maßnahmen der politischen Säuberung bezeichnet wurden, waren da 
von auch Personen betroffen, die keine politische Belastung vorwiesen. Dies blieb 
aber der einzige Fall, in dem zeitgenössische Vorwürfe gegen die Entnazifizierung 
bestätigt werden können. Von einzelnen Ausnahmen abgesehen, wurde die Entnazi 
fizierung in den hier untersuchten Ländern sonst nicht für sachfremde Zwecke - zum
	        
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