Full text: Entnazifizierung in Rheinland-Pfalz und im Saarland unter französischer Besatzung von 1945 bis 1952

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8. Zwischenbilanz zum Frühjahr 1947 
Im Frühjahr 1947 fand eine einschneidende Änderung der Entnazifizierungspolitik in 
der französischen Zone statt. Im Rahmen des Demokratisierungskonzeptes der Mili 
tärregierung und anläßlich der Gesetzesarbeiten zur Umsetzung der Kontrollratsdi- 
rektive Nr. 38 wurden den Länderregierungen in der französischen Zone weitrei 
chende Kompetenzen in der politischen Säuberung übertragen. Die Militärregierung 
zog sich auf eine Kontrollfunktion zurück. Bis dahin hatte sie eineinhalb Jahre lang 
maßgeblich Form und Verlauf der Entnazifizierung bestimmt. 
Im Gegensatz zur zeitgenössischen Meinung und zur Darstellung in der bisherigen 
historischen Forschung räumte die Militärregierung, an ihrer Spitze Generalverwalter 
Laffon, der Entnazifizierung höchste Priorität ein. Sie entwickelte im Herbst 1945 
ein Entnazifizierungsverfahren, das ein halbes Jahr vor dem amerikanischen Befrei 
ungsgesetz die eigenverantwortliche Mitarbeit deutscher Organe vorsah. Nach der 
personellen Säuberung der Verwaltung erfolgte die Überprüfung des leitenden Per 
sonals in der Privatwirtschaft. Die Entnazifizierung der juristischen Personen blieb 
angesichts ungelöster rechtlicher Probleme in den Anfängen stecken, war aber ernst 
haft versucht worden. Das Erziehungswesen spielte anfangs eine Sonderrolle, mußte 
sich dann aber in das allgemeine Verfahren einordnen. Trotzdem blieben in diesem 
Bereich Sonderregelungen in Kraft, die Folge der besonderen Bedeutung waren, die 
die Militärregierung der Kulturpolitik im Rahmen der Demokratisierung Deutsch 
lands beimaß. 
Die Militärregierung war von ihrem Entnazifizierungsmodell überzeugt. Sie wehrte 
sich - trotz heftiger Kritik in der französischen und amerikanischen Presse - gegen 
eine eilfertige Übernahme des amerikanischen Systems, das von Schematismus und 
Automatismus gekennzeichnet war, und wies auf die Vorzüge des eigenen Verfah 
rens hin, das die Individualität des Einzelfalls stärker berücksichtigte 1 . Dieses 
Selbstbewußtsein wurde in der Diskussion um die Kontrollratsdirektive Nr. 24 deut 
lich. Die Bestimmungen der KR 24 bedeuteten gegenüber dem französischen Entna 
zifizierungsverfahren einen Rückschritt. Trotzdem lehnte die Militärregierung eine 
Vetopolitik im Alliierten Kontrollrat ab. Ihre Änderungsvorschläge kamen aufgrund 
der schlechten Kommunikation zwischen Baden-Baden und Berlin zu spät und wur 
den von den anderen Alliierten nur noch zum Teil berücksichtigt. Laffon lehnte des 
halb die Durchführung der KR 24 in der französischen Zone ab. 
Die Planung der französischen Entnazifizierungspolitik erfolgte ohne besondere 
Vorgaben der Pariser Regierung in Baden-Baden. Die Durchführung der politischen 
Säuberung war Laffon ein persönliches Anliegen, und er konnte aufgrund seiner Er 
fahrungen, die er bei der Planung und Durchführung der französischen Epuration ge 
sammelt hatte, die Entwürfe seiner Mitarbeiter beurteilen. Die französischen Direkti 
1 Der frühere Hochschuloffizier in Freiburg, Rene Cheval, erklärte zur Entnazifizierung der Universitä 
ten auf dem Tübinger Symposium im September 1985: Nach Prozenten ging es bei uns nicht. Wir hat 
ten kein Soll zu erfüllen. Man hat uns nicht gesagt, es müssen jeden Monat zehn oder zwanzig Köpfe 
fallen ... Es gab keinen Schematismus. Wir haben nicht stur nach Paragraphen geurteilt und verurteilt, 
in: Hochschuloffiziere, S. 43f.
	        

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