Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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3. Die parallelen Märkte in der Nachkriegszeit: Das Beispiel Baden 
a) Methodische Probleme sozialgeschichtlicher Schwarzmarktanalyse: 
Marktspaltung aus der Perspektive des Verbrauchers 
Das Bewirtschaftungssystem der Kriegs- und Nachkriegszeit hat eine kaum überseh 
bare Fülle von Statistiken produziert. Dennoch ist es in methodisch befriedigender 
Weise quantifizierend nicht zu erfassen. Auf die erheblichen Fehlerquoten in der 
Statistik hat die Wirtschaftswissenschaft der Zeit bereits so deutlich hingewiesen, 
daß auf Quantifizierungsversuche für die halb- oder illegalen parallelen Märkte 
bereits damals zugunsten qualitativer Beschreibungen weithin verzichtet wurde - 
zum Verdruß des Historikers, der auch aus unvollkommenen Analysen heute ver 
mutlich interessante allgemeinere Ergebnisse gewinnen könnte. Praktiker wie Wirt 
schaftswissenschaftler, die sich in den Nachkriegsjahren mit derartigen Problemen 
auseinandersetzten, warnten gleichermaßen vor Schlüssen aus globalen Zahlen, de 
ren Berechnungsgrundlage unzureichend oder unzureichend bekannt war. 1 Tatsäch 
lich versagen ökonometrische Methoden in der Regel vor der Vielfältigkeit der 
Problematik. 2 So finden sich Preisangaben, auf die ausführlich zurückzukommen 
sein wird, in recht großer Zahl, und zwar sowohl für den monetären Schwarzmarkt 
wie für Kompensations- und Naturaltauschmärkte. Schon bei der Frage nach ihrer 
Repräsentativität lassen die Quellen in den weitaus meisten Fällen aber keine exakte 
Antwort zu, und die Angaben sind mit um so größerer Vorsicht zu behandeln, als bei 
genauerer Suche häufig unterschiedliche Angaben für ähnliche Regionen, Branchen 
oder Zeitpunkte zu finden sind. 
1 Beispielsweise konstatierte Walter Atorf, nach dem Krieg im Tübinger Finanzministerium 
tätig, im Zusammenhang mit einer methodischen Kritik der Verwendbarkeit der Nachkriegs- 
Steuerstatistiken, zur Verdeutlichung von Größenordnungen u. ä. gäben „Einzelzahlen mehr 
Aufschluß als zusammengefaßte Zahlen“; Atorf, Streifzug, S. 250. Eine völlige Absage an 
die Verwendbarkeit sämtlichefr] ökonomischefr] Größen, mit denen die Wirtschaftspolitik rech 
nen kann, erteilte z. B. Leonhard Miksch in seinem Gutachten zur Frage der Währungsre 
form vom 17. 2. 1948, abgedruckt bei: Möller, Vorgeschichte, S. 378-385, Zitat S. 380. 
2 Ein pittoreskes Beispiel bietet einer der wenigen umfangreichen Versuche, das Problem für 
die Kriegs- und Nachkriegsjahre mit ökonometrischen Methoden anzugehen: Chelmicki, 
Le marche noir, versucht unter anderem, eine Methode zur Analyse des Verbraucherverhal 
tens auf dem Schwarzen Markt zu entwickeln. In einer Anmerkung (S. 25) präzisiert er, daß 
die Methode nur greife, wenn die Relation zwischen offiziellem und Schwarzmarktpreis sich 
im Beobachtungszeitraum nicht verändere - solche Veränderungen gehören allerdings zu 
den Charakteristika Schwarzer Märkte. Als methodisches Ergebnis seiner eleganten Berech 
nungen stellte Chelmicki fest: „ ... la methode d’analyse du comportement des consommä- 
teurs, fondee sur l’emploi des courbes ou des surfaces d’indifference, n’apporte au raisonne- 
ment economique aucun procede exceptionnel qui soit plus efficace que la simple logique“ 
(S. 33). Seinem Ergebnis ist zuzustimmen. Für die Problemstellung der vorliegenden Arbeit 
enthält der Artikel dennoch interessante Vergleichsdaten und Anregungen. 
In der methodischen Nachkriegsdiskussion vgl. hierzu z. B. Schneider, Sinn und Grenzen 
der quantitativen Wirtschaftsforschung, sowie allgemeiner auch Schmölders, Verhaltens 
forschung, bes. S. 7-22, der auf die Schwierigkeiten der praktischen Anwendung ökonome 
trischer Methoden hinweist und dagegen ein Resume der in seinem Kölner Institut entwik- 
kelten Methoden sozialökonomischer Verhaltensforschung zieht.
	        
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