Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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Verlauf der Nachkriegsjahre wuchsen die deutschen Kompetenzen, wenngleich we 
sentlich langsamer als in der Bizone 41 und im wesentlichen in umgekehrter Funktion 
des Ausmaßes, in dem die jeweiligen ökonomischen Sektoren die Interessen der 
Besatzungsmacht berührten. Besonders weitgehend bezog die französische Militär 
regierung Teilbereiche in das Bewirtschaftungssystem ein, welche - wie die Ernäh 
rung - für die Verwaltung der Zone lebenswichtig waren oder ihr einen Zugriff auf 
die für Frankreich ökonomisch relevanten Sparten ermöglichten. Die typischen 
Koordinationsprobleme solcher Teil-Zentralverwaltungswirtschaften wurden in der 
französischen Zone noch durch das Neben- und Gegeneinander nicht nur der ver 
schiedenen Sektoren mit ihren jeweils eigenen Prioritäten, sondern auch der drei 
verschiedenen Verwaltungen: der deutschen, der französischen Zivil- und der fran 
zösischen Armee-Verwaltung, verstärkt. In „vertikaler“ Struktur entwickelte sich 
eine aufgelockerte Zentralverwaltungswirtschaft, indem auch in zentralgeleiteten 
Sektoren allmählich liberale Elemente zur Geltung kamen. 43 44 So wurden Marktme 
chanismen insofern zumindest theoretisch berücksichtigt, als die Herstellerkontin 
gentierung allmählich durch eine Endverbraucherkontingentierung abgelöst wurde; 
mit Hilfe durchlaufender Bezugsscheine wurde die Rohstoffzuweisung nach dem 
nachgewiesenen Absatz der Fertigprodukte einer Firma vorgenommen. Wenngleich 
mit Verzögerung - und in der Praxis mit oft unüberwindlichen Schwierigkeiten so 
sollte die tatsächliche Nachfrage auf diese Weise im Bewirtschaftungssystem doch 
berücksichtigt werden. In allen kriegführenden Ländern sind solche Auflockerungs 
formen während des Übergangs von der Kriegs- zur Friedenswirtschaft in unter 
schiedlicher Weise praktiziert worden. In Deutschland entwickelten sie jedoch stär 
kere politische Nebenwirkungen als in den siegreichen Ländern. Denn unter der 
Besatzungsherrschaft verwoben sich die - nach neoliberaler Auffassung unaus 
weichlichen - ökonomischen Steuerungsprobleme mit den politischen Kontroversen 
zwischen Besatzungsmacht und unterworfener Bevölkerung. 
War die Bewirtschaftungspolitik bis 1945 noch als kriegsnotwendig im wesentlichen 
akzeptiert worden und sahen die Alliierten in ihrer Fortsetzung zunächst die einzige 
Möglichkeit der Wirtschaftsverwaltung im Chaos des Zusammenbruchs, so wurde 
sie für die deutsche Seite, vor allem in der französischen Zone, nun rasch zum 
Inbegriff von Ausbeutung, Schikane und „Morgenthau-Politik“. Als solche erscheint 
sie nach wie vor auch weithin in der Literatur, die damit auch dort, wo sie sich von 
neoliberalen Analysen dezidiert absetzt, Teile dieser Analysen implizit bestätigt: 
1945 wurde der Zusammenhang zwischen politischem System und Wirtschaftspoli 
tik, wie ihn Röpke und andere für das „III. Reich“ dargestellt hatten, gewissermaßen 
in deutscher Perspektive wirksam, jetzt allerdings weniger gegen das „III. Reich“ als 
gegenwartsbezogen gegen die Besatzungsmächte gerichtet. In der Tat ist die Tren 
nungslinie zwischen Verteilung des Mangels einerseits und Wirtschaftslenkung im 
43 Vgl. Henke, Politik der Widersprüche, S. 71, u. Läufer, Industrie, S. 84 f. Henkes und 
Läufers auf September 1948 bezogener Vergleich belegt allerdings mehr das unterschiedliche 
Tempo der ordnungspolitischen Liberalisierung als grundsätzliche Unterschiede zwischen 
den Alliierten, die in der Frühzeit der Besetzung weit weniger groß waren. 
44 Auch in der Bizone erfolgte diese Lockerung nur langsam, so für die Eisenbewirtschaftung 
Mitte 1947; vgl. Adolf Weber, Deutsches Wirtschaftsleben, S. 101.
	        

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