Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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2. Zusammenwirken von deutscher und alliierter Politik: 
Quellen der parallelen Märkte 
Mit dem Zusammenbruch des Reiches kamen nicht nur die „Zeitbomben“ zur 
Wirkung, die das „III. Reich“ in seiner Wirtschafts- und Finanzpolitik gelegt hatte 
und auf die zurückzukommen ist. Die politischen und psychologischen Wir 
kungen des Zusammenbruchs zeigten jetzt indirekt, daß das relative Funktio 
nieren der nationalsozialistischen Politik noch eine weitere, entscheidende Voraus 
setzung gehabt hatte: den Krieg, und zwar im doppelten Sinn der Selbstdisziplinie 
rung der Bevölkerung unter der äußeren Bedrohung und der Wirkung des inneren 
Terrors des Regimes. 1 Die Grundpfeiler jeder Warenbewirtschaftung sind die Disziplin 
des Volkes und die pßichtgetreue Erfüllung aller Bewirtschaftungsanweisungen, hatte 
der Reichswirtschaftsminister schon Ende 1943 in einem Erlaß an die Bewirtschaf 
tungsdienststellen verkündet. 2 Er hatte recht, wie sich sowohl am Vergleich mit den 
besetzten Ländern wie an dem Geschehen nach dem Zusammenbruch in Deutsch 
land zeigte. Französische Beobachter, selbst solche mit wirtschaftswissenschaftlicher 
Vorbildung, neigten dazu, dieses Verhalten dem deutschen Volkscharakter zuzu 
schreiben und auf „l’extraordinaire discipline du peuple allemand“ zurückzufüh 
ren. 3 Tatsächlich waren weniger der deutsche Charakter als Krieg und Regime dafür 
verantwortlich, und die Militärregierungen sollten dies nach 1945 rasch konstatie 
ren. 
Organisierte Schwarz- und Kompensationsmärkte waren in allen besetzten Ländern 
in teilweise sehr großem Umfang entstanden, blieben im Deutschen Reich jedoch 
vergleichsweise begrenzt. 4 Der Grund dafür war nicht nur in der relativ besseren 
Versorgungslage des Reiches zu suchen. Sozialpsychologisch wesentlich war der 
Unterschied, daß Schwarzhandel im Deutschen Reich nicht nur offiziell, sondern 
vielfach auch subjektiv als Landesverrat empfunden wurde, während er in den 
besetzten Ländern sowohl teilweise eine Frage des Überlebens war als auch als ein 
Akt des Widerstandes gegen die Besatzung gelten konnte. Diese psychologischen 
Zur ökonomischen Bedeutung des Terrors vgl. beispielsweise Röpke, Offene und zurück 
gestaute Inflation, S. 62. Angedeutet ebenso bei Borchardt, Erfahrungen mit Inflationen, 
S. 158 u. 161. 
2 Erlaß vom 2. II. 1943,zit. bei Boelcke, Die deutsche Wirtschaft, S. 321. 
So die Formulierung von Henry Laufenburger, Quelques aspects, S. 106. Zu den psycholo 
gischen Folgen der Niederlage siehe ausführlich auch Stolper, Die deutsche Wirklichkeit, 
bes. S. 69 ff. 
Amtliche deutsche Übersicht über die Finanzprobleme der Schwarzen Märkte bei Buchheim, 
Die besetzten Länder. Vgl. im Überblick Boelcke, Die deutsche Wirtschaft, S. 317 ff. Zu 
einzelnen Ländern beispielsweise: Zu Belgien: Baudhuin, L’Economie beige, S. 318 ff.; 
Chelmicki, Le marche noir, mit Zahlen zum internationalen Vergleich. Zu Frankreich: Ki- 
stenmacher, S. 95 ff.; Baudin, Esquisse, S. 134 ff.; Merigot u. Coulbois, S. 31 f., 41 ff.; 
Enquetes diverses sur les prix et les consommations, passim; Mouvement economique en 
France de 1938 ä 1948; Debü-Bridel; Sauvy, La vie economique, S. 128, warnt vor einer 
Überschätzung der Ausdehnung des französischen Schwarzen Marktes. Zu Südosteuropa: 
Chelmicki.
	        

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