Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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Ergebnisse und Forschungsperspektiven: 
Besatzungsherrschaft zwischen Interessenpolitik 
und Demokratisierung 
Die französische Besatzungszone nach 1945 ist nicht nur eine „Ausbeutungskolonie“ 
gewesen, um Theodor Eschenburgs einleitend zitiertes Bild noch einmal vereinfacht 
aufzugreifen. Ebenso ambivalent wie die offiziellen politischen Erklärungen und 
internen Direktiven der Besatzungsmacht war auch die Praxis ihrer Besatzungspoli 
tik. Die auf eine extensive Nutzung der Zone gerichteten Aktivitäten stehen in der 
kollektiven Erinnerung und in der Forschung bislang im Vordergrund. Eine genaue 
re Erforschung der Besatzungspolitik fördert jedoch vielfältige Tendenzen zutage, 
die einem solchen Bild zuwiderlaufen. Dies gilt in ersten Ansätzen bereits seit 
Sommer 1945. Einerseits zeigen sich — vor allem im Wirtschaftsbereich — beson 
ders harte, wenngleich bislang nur ansatzweise erforschte Maßnahmen; andererseits 
erweist sich, daß der Südwesten in seinen politischen Entwicklungen den anderen 
Zonen in manchen Bereichen voraus war. 
In der vorliegenden Arbeit wurden Neuordnungsansätze in der Sozialpolitik unter 
sucht. Dabei ergeben sich sowohl Resultate zur Sozialpolitik selbst wie Ergebnisse 
für den allgemeineren Rahmen der Besatzungspolitik und der Entwicklung des 
Südwestens im Vorfeld der Bundesrepublik. Die spezielleren Ergebnisse sind in den 
einzelnen Abschnitten dieser Arbeit differenzierter zusammengefaßt worden. Ab 
schließend seien einige Punkte im Hinblick auf übergreifende Fragestellungen und 
auch auf Perspektiven, die sich für weiterführende Arbeiten abzeichnen, hervorge 
hoben. 
1. Neuordnungsansätze haben in der französischen Besatzungspolitik ein grö 
ßeres Gewicht erhalten, als dies bislang erkannt wurde. Der gegenwärtige For 
schungsstand entspricht insofern noch weithin den Ergebnissen der politischen Ent 
wicklung, in der vor allem nach der Auflösung der Länder Baden und Württemberg- 
Hohenzollern, wie etwa Gebhard Müller rückblickend feststellte, 1 für die frühen 
Entwicklungen im Südwesten kaum mehr ein Interesse bestand. Solche Neuord 
nungsansätze sind in der Sozialpolitik besonders deutlich. 
2. In der Sozialversicherung strebte die Militärregierung 1945 zunächst eine 
umfassende Einheitsversicherung aller Versichertenkreise an. Dies entsprach alten 
Forderungen aus der deutschen Gewerkschaftsbewegung, Zielsetzungen der zu 
gleich in Frankreich angelaufenen Reformen und Grundtendenzen der internationa 
len Diskussion, wie sie sich unter dem Eindruck der sozialen Folgen des Krieges seit 
dem Beveridge-Plan von 1942 entwickelten. Die erste Reform in den Westzonen 
1 Gespräch mit dem Verfasser in Stuttgart, Juli 1980.
	        

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