Title:
Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953
Creator:
Hudemann, Rainer
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-460664
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-461178
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Zerstörungen, sondern vor allem in der Wirtschafts- und Finanzpolitik längst vor 
dem Zusammenbruch gelegt. Sie waren teilweise aber so geschickt gelegt, daß we 
sentliche Wirkungen zunächst als Folge allein der Besatzungspolitik erschienen, und 
insofern liegt hier ein weiterer Ansatzpunkt für die Erklärung deutscher kollektiver 
Reaktionen in und nach der Besatzungszeit. Ordnungspolitisch gesehen, bildete 
nicht die Zeit von 1945 bis 1948, sondern von 1931/33 bis 1948/49 eine Einheit-eine 
Einheit allerdings, welche auf deutscher Seite unter dem Schock des Zusammen 
bruchs zwar von Teilen der Wissenschaft, kaum jedoch von der breiten Bevölkerung 
gesehen wurde. Charakteristisch für deutsche Reaktionen ist, daß selbst ein hervor 
ragender Fachmann wie Walter Atorf, nach dem Krieg im Tübinger Finanzministe 
rium tätig und später Präsident des Rechnungshofes von Baden-Württemberg, noch 
1982 die Entstehung des Schwarzen Marktes mit allen seinen Begleiterscheinungen 
und Hintergründen - darunter sogar den Geldüberhang - primär auf die „Entzie 
hung lebenserhaltender Kräfte“ durch die Besatzungsmacht zurückführte und nur 
beiläufig auch die „Nachwirkungen der Kriegsfinanzierung“ erwähnte. 5 
Tatsächlich wurde der deutschen Bevölkerung jetzt jedoch zunächst die Rechnung 
für die seit den frühen dreißiger Jahren allmählich durchgesetzten wirtschafts- und 
finanzpolitischen Grundsätze und Techniken präsentiert, eine Rechnung, welche die 
nationalsozialistische Führung nach dem „Endsieg“ den zu unterwerfenden Völkern 
zugedacht hatte. Dies gilt für die Devisen- und Außenhandelspolitik, für die Finanz 
politik, für die Produktionsprioritäten und für die Wirtschaftslenkungspolitik in 
unterschiedlichem Ausmaß, aber in der Grundtendenz gleichermaßen: Gerade wirt 
schaftspolitisch war 1945 keine „Stunde Null“, sondern deutsche Politik bis 1945 
und alliierte Besatzungspolitik griffen in vielfältiger Weise ineinander und bildeten 
gemeinsam den Hintergrund für die wirtschaftliche und soziale Situation im Nach 
kriegsdeutschland. Drastischer und einseitiger formulierte es Wilhelm Röpke 1947: 
Der „heutige Wirtschaftsmarasmus in Deutschland“ sei „eine nationalsozialistische 
Kriegswirtschaftsordnung im letzten Stadium ihrer Auflösung“/ 
Atorf, Streifzug, S. 233; der Beitrag gibt im übrigen grundlegende Informationen zur Finanz 
politik der Nachkriegsjahre. 
Röpke, Offene und zurückgestaute Inflation, S. 67 f.; vgl. auch ders., Lehren des deutschen 
Wirtschaftsmarasmus, in: Neue Zürcher Zeitung, 26.-27. 10. 1946. Zur neoliberalen Interpre 
tation der Nachkriegswirtschaftsordnung siehe unten S. 40 f. und 52 ff.
        

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