Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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nutzte de Gaulles Reden Ende Oktober 1945 sofort zu Instruktionen, die durch das 
Pariser Generalsekretariat auch den betroffenen Ministerien zugingen und in denen 
er das Ende der politique ... d’assujetissement ankündigte; sie müsse jetzt devenir une 
politique d’humanite. Ein Teil davon sei die Sozialpolitik; die rapports 
sociaux insbesondere gegenüber Großgrundbesitzern und Großunternehmern müß 
ten geändert und es müßten Initiativen ergriffen werden, die resteront comme un 
temoignage de notre inßuence et de notre esprit novateur. 101 Zwar neigte auch der in der 
Forschung bislang als konziliant geltende Laffon intern in manchen Situationen zu 
einer durchaus harten Linie. 102 Gerade dadurch verkörpert er aber auch die Ambiva 
lenz der Konzeptionen auf der Spitzenebene besonders deutlich. Daß er letztlich 
abberufen wurde, hatte offensichtlich nicht nur sachliche, sondern auch persönliche 
Gründe, 101 denn Koenig führte seine Linie in sozialpolitischer Hinsicht eher weiter. 
Entscheidend in unserem Zusammenhang ist, daß damit von vornherein nicht nur 
Ausbeutungsabsichten, sondern auch Neuordnungsvorstellungen in Direktiven von 
höchster Stelle Rückhalt fanden. 
Mit dieser konzeptionellen Ambivalenz traf nun die Personalpolitik zusammen. 
Arbeitsoffiziere in der Zone wurden, wie dies für andere Sparten auch der Fall war, 
durch das zuständige Ministerium in Paris ernannt. Zum größten Teil kamen sie 
selbst aus der französischen Arbeitsverwaltung und waren mit den innerfranzösi 
schen Reformvorstellungen vertraut. Politisch standen sie oft eher auf sozialistischer 
oder — wie ihr Minister — auf kommunistischer Seite, was unter den Inspecteurs du 
travail'm Frankreich häufig war. Entscheidend wurde nun, daß einige Arbeitsoffizie 
re die sich ihnen in den genannten Konstellationen eröffnenden Freiräume extensiv 
nutzten für eine Sozialpolitik, in der sie bei der Direction du Travail sowie bei Laffon 
und Koenig in Baden-Baden konzeptionellen Rückhalt fanden, sofern Initiativen 
nicht ohnehin von diesen ausgingen. Hier entfalteten sich teilweise die gleichen 
psychologischen Mechanismen, die sich — wie oben skizziert — so oft negativ 
auswirkten, mit gegenteiligem Effekt: Die betroffenen Arbeitsoffiziere hatten in 
Frankreich oft untergeordnete Stellungen und wurden jetzt plötzlich für ein Land, 
wenn nicht gar die ganze Zone zuständig. Jean Filippi berichtete 1983, er habe nie in 
seiner langen Laufbahn in Staatsdiensten solche Freiheiten genossen wie in Baden- 
Baden. Obwohl die Freiheiten auf unteren Rängen selbstverständlich geringer wa 
ren, erscheint doch die Grunddisposition typisch: Der ausgesprochene Stolz, mit 
dem französische Arbeitsoffiziere „ihre“ Sozialpolitik beispielsweise 1949 den viel- 
101 Instruktionen Laffons an die Landesgouverneure, 25. 10. 1945; MdAE Y (1944-1949) 434. 
Die entsprechenden Passagen aus der Anm. 97 zitierten Freiburger Rede gab beispielsweise 
der stellvertretende badische Gouverneur, de Tarragon, in einem Vortrag am 29. 10. 1945, 
der gedruckt in Umlauf gesetzt wurde, als Fazit wieder; Le Gouvernement Militaire en 
Allemagne, Conference faite ... par le Colonel de Tarragon, o. O. o. J., AdO Colmar 2705. 
02 Zu Laffons Rolle bei der Gründung von Rheinland-Pfalz und der Verfassunggebung 
s. Hudemann, Entstehung, S. 70 u. 77, zu seiner restriktiven Linie bei der politischen und 
wirtschaftspolitischen Dezentralisierung in der Zone Ders., Zentralismus, bes. S. 194 ff. 
101 So auch die übereinstimmende Darstellung der Beteiligten und Beobachter, mit denen der 
Verf. darüber sprechen konnte. Vgl. auch die Erinnerungen von Koenigs Kabinettschef 
Henri Navarre. Dieser Komplex harrt noch genauerer Untersuchung.
	        
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