Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

28 
Ähnliche Strukturen sind auf nachgeordneten Ebenen zu beobachten. Auch in der 
Zone waren viele Besatzungsbeamte entweder nur an einer Ausbeutung des Landes 
oder aber an ihrem eigenen Arbeitsbereich interessiert. Wiederum ist Jean Filippi, 
oberster Chef der Wirtschafts- und damit auch der Arbeitsverwaltung, ein besonders 
charakteristisches Beispiel: Er interessierte sich in der Tat für Sozialpolitik nicht, 
sondern für die wirtschaftlichen Ziele. Das bedeutete aber erneut einen beträchtli 
chen Spielraum für seinen Arbeitsdirektor, der die sozialpolitischen Fragen in der 
Regel weniger mit seinem unmittelbaren Vorgesetzten Filippi als direkt mit dem von 
der sozialistischen Resistance beeinflußten Generalverwalter Laffon regelte.” In 
diesen Konstellationen konnten Neuordnungskonzeptionen jetzt zur Wirkung kom 
men, und zwar zu einer Wirkung, die gelegentlich stärker war als in der amerikani 
schen Zone.’* 
Entscheidend wurde dabei einerseits die Ambivalenz der amtlichen Politik und 
andererseits die Personalpolitik. Schon vor der Potsdamer Konferenz gehörten zu 
den Besatzungsdirektiven, welche das zu diesem Zweck eingerichtete Comite intermi- 
nisteriel des Affaires allemandes et autrichiennes beschloß, nicht nur die wirtschafts 
politischen Ziele, sondern auch l’organisation d'une administration honnete, juste, 
rapide et efficace et que le contröle ne paralyse pas, sowie die Sicherung der possibilites 
d’existence materielle de notre zone.” Das Ziel, die Bevölkerung mit Frankreich zu 
concilier, proklamierte de Gaulle nicht nur in dem Ausschuß, 91 * * * * 96 sondern auch vielfach 
während seiner Reise durch die Zone Anfang Oktober 1945. 97 Bei diesen Äußerun 
gen de Gaulles handelt es sich nicht nur um von Dominanzbestrebungen beherrschte 
taktische Differenzierungen: Auch unabhängig von den genauen Intentionen, die de 
Gaulle damit verfolgte, 98 erhielten sie in der Praxis der Besatzungspolitik insofern 
erhebliche Relevanz, als Anhänger konstruktiver Besatzungsmaßnahmen sich nun 
auf die Befehle von de Gaulle berufen konnten — und dies auch nach seinem 
Rücktritt Anfang 1946 noch lange Zeit hindurch taten. 99 Das Prestige, das de Gaulle 
bei weiten Teilen des Besatzungsapparates und insbesondere bei seinen Spitzen 
genoß, wurde intern vielfach im Sinne einer solchen konstruktiven Politik eingesetzt. 
Boislambert berichtet die ihm von de Gaulle 1945 als einzige Direktive mitgegebene 
Formulierung: Souvenez-vous qu’on ne fera pas l’Europe sans l’Allemagne. 100 Laffon 
91 Mitteilung von Jean Filippi. 
94 Vgl. etwa zur Situation im Kontrollrat unten S. 172ff. 
95 Directives pour notre action en Allemagne, 19. 7. 1945; MdAE Y (1944-1949)433. 
96 Protokoll des Comite interministeriel vom 20. 7. 1945, AN F 60/3034/2; vgl. auch 
Lattard, Syndicalisme, Bd. 2, S. 112, und unten S. 143 f., 217 f. 
91 Auszüge aus seinen Reden in: La Revue de la Zone framjaise No. 1, 15. 11. 1945, S. 1 ff. Den 
positiven Eindruck, den de Gaulles Rede in der Freiburger Universität machte, betonte 
Gebhard Müller gegenüber dem Verf. noch 1980; vgl. auch ders., Württemberg-Hohenzol- 
lern 1945-1952, S. 16. 
98 Zur sachlichen Problematik siehe insbesondere Loth, Die Franzosen, S. 28 ff. 
99 Unterlagen in MdAE Y (1944-1949) 433 ff.; vgl. hierzu Hudemann, Kulturpolitik. 
100 Hettier de Boislambert, S. 465, sowie gegenüber dem Verf., Paris, Juni 1983. Nach einer 
Mitteilung von Jean Sauvagnargues (3. 10. 1983) — dem die Äußerung gegenüber Boislam 
bert nicht bekannt war — gab de Gaulle, wie Pierre Grappin aus der Umgebung Laffons 
berichtete, auch anderen Verwaltungsspitzen praktisch gleichlautende Devisen mit auf den 
Weg.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.