Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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Die soziale Notlage der Kriegsopfer und die Einschränkung der staatlichen Aktions 
fähigkeit trugen dazu bei, den neu entstehenden Verbänden sofort ein breites und 
wichtiges politisches Aktionsfeld zu eröffnen. Während Kriegsopferverbände ande 
rer Länder hier weniger wichtige Funktionen hatten und daher stärker zu Veteranen 
verbänden wurden, in denen die Erinnerung an den Krieg eine zentrale Rolle spielt, 
wurden die deutschen Kriegsopferverbände zu Organisationen, in denen die politi 
sche und soziale Aktion den Schwerpunkt der Aktivitäten bildet. 5 Sofort nach ihrer 
Zulassung entfalteten sie eine rege politische Aktivität, und in einigen süddeutschen 
Ländern wurde der VdK rasch zur zweitgrößten Organisation nach den Gewerk 
schaften. 
Bei anderen Faktoren, die den Wiederaufbau der Verbände positiv oder negativ 
bestimmten, verwoben sich alliierte Maßnahmen und deutsche Innenpolitik. 
Die psychologische Verfassung der meisten Opfer des II. Weltkrieges war 1945 
wenig geeignet zu energischen Initiativen. Zu dem persönlichen Schicksal, das dem 
der Kriegsopfer in anderen Ländern vergleichbar war - abgebrochene Karrieren, 
zerstörte Gesundheit, schwierige familiäre Verhältnisse, um nur die wichtigsten an 
zusprechen kamen im deutschen Fall die Ungewißheit über die Zukunft des 
Landes und der Mangel an Perspektiven, der durch die anfangs harte Besatzungs 
politik, besonders in der französischen Zone, und durch die wenigen Informationen 
über Morgenthau-Plan und ähnliche Absichten der Alliierten noch verstärkt wurde. 
Im Verhältnis zu ihrer Umwelt bekamen die Kriegsopfer nicht nur Hilfe und Mitleid 
zu spüren. Teilweise hat sich auf sie der Überdruß der Bevölkerung am Krieg und an 
der Nachkriegsnot übertragen, da sie den Krieg in besonders sichtbarer Weise weiter 
zu verkörpern schienen. Die psychologischen Vorgänge, die hinter den von den 
Kriegsopfern vielfach bitter empfundenen Aversionen standen, können hier gleich 
falls nur angedeutet werden. Not litten viele, und die Kriegsopfer waren nur eine 
spezifische Kategorie unter den vom Krieg hart betroffenen Bevölkerungsgruppen. 
Der Absolutheitsanspruch, mit dem die Verbände ihre Forderungen gelegentlich 
vortrugen, mag ab 1946/47 zu dem mitunter gespannten Verhältnis zu ihrer Umwelt 
beigetragen haben. Die Betroffenen empfanden die Spannungen jedenfalls so stark, 
daß Verbandsfunktionäre und Sachbearbeiter in den Ministerien der französischen 
Zone später sogar gelegentlich feststellten, sie hätten bei der französischen Besat 
zungsmacht mehr Verständnis gefunden als auf deutscher Seite. 6 
Hemmend wirkte sich auf den Verbandsaufbau schließlich aus, daß die junge Gene 
ration während des „III. Reiches“ aufgewachsen war und über keinerlei Erfahrung 
in eigenständiger politischer Organisation verfügte. 7 Die Kriegsopferverbände der 
Weimarer Republik waren im wesentlichen Selbsthilfeorganisationen gewesen, auch 
Irn internationalen Vergleich s. Wahl (Hg.), Memoire. In das vorliegende Kapitel sind auch 
Überlegungen und Materialien eingegangen, die zusammenfassend bei diesem Metzer Sym 
posium zur Diskussion gestellt wurden; vgl. Hudemann, Formation. 
So beispielsweise in den Festschriften des Landesverbandes Baden-Württemberg des VdK: 
25 Jahre VdK Baden-Württemberg (1972); Solidarität - Weg in die Zukunft (1980). 
Hierauf wiesen den Verf. auch mehrere am Wiederaufbau nach 1945 beteiligte Funktionäre 
hin.
	        

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