Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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1. Deutsche Kriegsopferversorgung vom I.zum II. Weltkrieg 
Die Grundlinien der Kriegsopferversorgung, wie sie nach dem I. Weltkrieg entwik- 
kelt wurden, wirken bis heute in der deutschen Versorgung fort, wenngleich wesent 
liche strukturelle Verbesserungen seit dem II. Weltkrieg vorgenommen wurden. 1 
Wesentlichstes Ziel der deutschen Versorgungsgesetzgebung ist es seit dem I. Welt 
krieg, Kriegsbeschädigte nicht wie weithin in früheren Jahrhunderten in Randgrup 
pen der Gesellschaft abzudrängen - sei es in das Bettelwesen, sei es in Fürsorgean 
stalten sondern sie, soweit möglich, durch Berufsberatung, Berufsausbildung, 
Arbeitsvermittlung und ähnliche Maßnahmen dem Erwerbsleben zuzuführen und in 
ihrer sozialen Stellung zu erhalten. 1 Konzeptionell war dieser Charakter der Kriegs 
opferversorgung nicht neu; er war beispielsweise in der preußischen Militärversor 
gung ansatzweise seit dem 17. Jahrhundert und verstärkt seit 1813 angelegt (Orientie 
rung der Versorgungsleistung an der sozialen Stellung im Zivilleben), 1 3 wurde ange 
sichts unzureichender finanzieller Mittel jedoch nur sehr begrenzt realisiert. 1849 
wurde der Gnadenthalerin Preußen in eine Pension für Kriegsbeschädigte umgewan 
delt, deren Leistungen in den folgenden Jahren verbessert wurden. Mit dem Militär 
pensionsgesetz vom 27. Juni 1871 wurde die Versorgung auf Reichsebene vereinheit 
licht und in dem Offiziers- sowie dem Mannschaftsversorgungsgesetz von 1906, auf 
die zurückzukommen ist, ausgestaltet. Der Durchbruch zum Rechtsanspruch auf 
Versorgung und zur sozialen Integration als politischem Ziel erfolgte jedoch erst mit 
dem I. Weltkrieg. 1914-1918 war nicht nur die Zahl der Versehrten gegenüber 
früheren Kriegen emporgeschnellt und die Last des Krieges vom stehenden Heer auf 
das ganze Volk übergegangen. Die Wirtschaftsprobleme der Nachkriegszeit schie 
nen auch eine stärkere Nutzung der Arbeitskraft von Versehrten erforderlich zu 
machen. 4 Charakteristisch war die deutsche Versorgung, wie Michael Geyer heraus 
1 Zur Kriegsopferversorgung in der Weimarer Republik vgl. neben der im folgenden zitierten 
Literatur im Überblick: Syrup u. Neuloh, S. 210 f., 378 ff.; Wahlen; Ziem, S. 29 ff. (mit 
kursorischem Überblick über ältere Regelungen S. 9 ff.), eine im Auftrag des Bundesarbeits 
ministeriums verfaßte Arbeit; Schreiber, Deutsche Lösung, S. 7 ff.; Überlegungen zu den 
langfristigen Entwicklungstrends bei Diehl, Change. Eine nützliche Dokumentation ist die 
von der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Hauptfürsorgestellen herausgegebene Arbeit 
von Szilagi. Für wichtige Hinweise zur Entwicklung der Kriegsopferversorgung vom Kai 
serreich zur Weimarer Republik danke ich Dr. Michael Nitsche, Trier. 
2 Vgl. dazu z. B. die amtliche Begründung zur Verordnung über die Kriegsbeschädigten- und 
Hinterbliebenenfürsorge vom 8. 2. 1919; Ziem, S. 30. Zur Entwicklung der Sozialpolitik von 
der Fürsorge zur Versorgung s. systematisch Braun, Soziales Handeln, bes. S. 94 ff. 
3 Preußische Kabinettsorder vom 5. 6. 1813, zit. bei Schreiber, Deutsche Lösung, S. 3. Zur 
preußischen Militärversorgung vgl. in knappem Überblick ebd., S. 2 ff.; Breil, S. 7 ff.; Ziem, 
S. 15. 
4 Zahlen der Kriegsversehrten in den neuzeitlichen Kriegen sind kaum zu rekonstruieren, da 
sie selten und, wenn dies doch geschah, nach unterschiedlichen Kriterien erfaßt wurden. Die 
relativen Größenordnungen kommen in der Zahl der Gefallenen zum Ausdruck; Schätzun 
gen zu den größten Kriegen seit dem 30jährigen Krieg bei Langenecker, S. 24 ff. Zum 
I. und II. Weltkrieg vgl. die methodischen Bemerkungen und die Schätzungen bei Meyer, Le 
poids de l’Etat, S. 245T#., zum I. Weltkrieg bei Whalen, S. 38 ff.
	        

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