Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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VI. 
Zwischen Antimilitarismus und Fürsorge: 
Kriegsopferpolitik im Nachkriegsdeutschland 
War die Sozialversicherungspolitik in der französischen Zone von Neuordnungsan 
sätzen geprägt, die zwar seit Jahrzehnten diskutiert worden waren, vor 1946 in 
Deutschland jedoch keine praktische Relevanz erhalten hatten, so bietet die Kriegs 
opferversorgung eher ein umgekehrtes Bild: Während die Politik in den anderen 
Zonen zunächst auf die Beseitigung einer eigenständigen Kriegsopferversorgung 
abzielte, blieb in der französischen Zone die langfristige, auch auf Bundesebene 1950 
wieder aufgegriffene Traditionslinie der deutschen Kriegsopferpolitik seit dem 
I. Weltkrieg weitgehend erhalten und wurde in einigen charakteristischen Punkten 
weiterentwickelt. Zugleich erhielten im Südwesten die wiederentstehenden Kriegs 
opferverbände nach 1945 einen stärkeren politischen Einfluß als in den anderen 
Zonen. Die Besonderheiten der Kriegsopferversorgung in der französischen Zone 
werden daher nur dann verständlich, wenn sie eingeordnet werden in den Kontext 
der langfristigen Entwicklung der deutschen Kriegsopferversorgung sowie ihrer 
Ausgestaltung in den anderen Zonen nach 1945, und wenn das politische Kräftefeld 
einbezogen wird, das mit dem Wiederaufbau der Verbände in den drei Westzonen 
entstand. Da diese Zusammenhänge für die Kriegsopferproblematik in der For 
schung weniger umfassend aufgearbeitet sind als für die Sozialversicherung, müssen 
die diachronischen und synchronischen Rahmenbedingungen im folgenden breiter 
dargestellt werden. Auf den Verbandsaufbau ist dabei auch deshalb ein Schwerge 
wicht zu legen, weil hier beispielhaft mit dem Einfluß außerparlamentarischer Grup 
pierungen eine weitere wesentliche Facette deutscher politischer Wirkungsmöglich 
keiten unter Besatzungsbedingungen genauer überprüft werden kann, die bisher im 
Rahmen von Gewerkschaften und Ortskrankenkassenverband beobachtet wurde. 
Schließlich hat die eingangs untersuchte französische KontroIIratspolitik bei der 
Kriegsopferfrage andere Wirkungen entfaltet als bei der Sozialversicherungsreform. 
In langfristiger Perspektive schließlich ist die Situation der Kriegsopfer in der Bun 
desrepublik durch die Konstellationen und Entwicklungen in den Nachkriegsjahren 
entscheidend geprägt worden.
	        

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