Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

22 
fristiger Perspektive sind einige dieser Probleme gelöst worden. Die Kriegsfolgen 
erscheinen, sozialpolitisch gesehen, bewältigt. Die Gleichstellung von Arbeitern und 
Angestellten ist in den Arbeitsbedingungen wie der Lohnfortzahlung und in den 
Versicherungsbedingungen der Rentenversicherung weitgehend erreicht worden; in 
dieser Hinsicht stellen die Nachkriegsdebatten nur eine Etappe in der deutschen 
sozialpolitischen Entwicklung des 20. Jahrhunderts dar. Nicht verwirklicht worden 
ist sie allerdings in der Krankenversicherung, in der die historisch gewachsene 
Struktur erhalten blieb und — wie Willi Albers 1983 formulierte — „zum Teil 
perverse Wirkungen“ ergibt. 64 Diese Wirkungen, die mit der Krise des Sozialstaates 
erneut in den Mittelpunkt wissenschaftlicher und politischer Kontroversen getreten 
sind, bildeten auch den Kern der Diskussionen über den Lösungsversuch, der 
1945-1949 in der französischen Zone unternommen worden ist. Welchen Anteil 
ordnungspolitische Maßnahmen haben können und wie sie auszugestalten sind, um 
einem „Solidarausgleich“ 65 unter den Versicherten näherzukommen, ist nach wie vor 
kontrovers. Hans Schaefers „Quintessenz“ von 1983, die gesetzliche Krankenversi 
cherung zeige „strukturelle Unausgeglichenheiten, welche das Prinzip der Solidari 
tät der gesamten Arbeitnehmerschaft hinsichtlich der Risikobeteiligung weitgehend 
außer Kraft setzen“, 66 * ließe sich auch als Leitmotiv für einige der Maßnahmen 
formulieren, welche 1946 im Südwesten ergriffen wurden. Die historische Analyse 
kann — um eine Selbstverständlichkeit zu betonen — auf die aktuellen Sachfragen 
keine Antworten geben. Vor deren Hintergrund ist die Entwicklung in der französi 
schen Zone aber nicht nur für die Besatzungspolitik interessant, sondern auch struk 
turell als einziges Beispiel in der deutschen Geschichte für eine regional gegliederte, 
begrenzte Einheitskrankenversicherung. Viele Stichworte aus der damaligen Debatte 
kehren heute wenig verändert wieder, und auch methodisch stellen sich nach wie vor 
z. T. Probleme, die bereits seinerzeit quantitativ fundierte Urteile erschwerten. 61 
In der sozialen Selbstverwaltung, welche die französische Besatzungsmacht ein hal 
bes Jahrzehnt vor den ersten bundesdeutschen Sozialwahlen wiederbelebte — auch 
dies ist in der Fachliteratur so gut wie vergessen —, 68 69 bildeten die Nachkriegsjahre 
im Jahrhunderttrend gewissermaßen einen Tiefpunkt. Seit Begründung des Sozial 
versicherungssystems war sie ein Kernpunkt gewerkschaftlicher Partizipationsbe 
strebungen gewesen. Ihre Beseitigung im „III. Reich“ hatte wesentlich zu einer 
Entpolitisierung beigetragen, welche die französische Besatzungsmacht im Südwe- 
64 Albers, Strukturfragen aus ökonomischer, finanzwissenschaftlicher und sozialer Sicht, 
S. 53. 
65 So die Formulierung von Heinz Lampert, Strukturfragen, für eine viel diskutierte Kernfor 
derung, mit zahlreichen Verweisen zur aktuellen Diskussion. 
44 Schaefer, Strukturfragen, S. 23. 
47 Vgl. dazu auch unten S. 363 ff. 
69 Siehe beispielsweise Alfred Schmidt, Zum Entstehen der Selbstverwaltung in der Nach 
kriegszeit. Rückblick aus gewerkschaftlicher Sicht, in: Bartholomäi u. a. (Hg.), 
S. 391-411; Albert Holler, Die Entwicklung der sozialen Krankenversicherung in den 
Jahren 1945 bis 1975, in: ebd., S. 303-314, hier S. 306; Vetter, Entwicklung, S. 117 ff.; dies 
gilt selbst für Hockerts, Entscheidungen, bes. S. 131 ff., sowie für Tennstedt, Geschichte 
der Selbstverwaltung, welche die — in der Praxis ergebnislosen — Bizonenverhandlungen 
umfassend darstellen.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.