Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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Für die Nachkriegsjahre hat Hans Günter Hockerts das Standardwerk über den Weg 
zur Rentenreform von 1957 vorgelegt.“ Entsprechend seiner Fragestellung gilt sein 
Interesse der französischen Politik und dem Südwesten weniger als britischer und 
amerikanischer Zone und dem Kontrollrat. Es wird ausführlich auf dieses Werk 
zurückzukommen sein. Ebenso ist die politische Geschichte der Versicherungsan 
stalt Berlin (VAB) durch Eckart Reidegeld aufgearbeitet. Vielfältiges Material, auch 
über die Sozialversicherung hinaus, bietet die Festschrift für den Gründer der VAB 
Ernst Schellenberg, an der auch Zeitgenossen beteiligt waren. 61 62 Trotz dieses insge 
samt vielfältigen Forschungsstandes zur Sozialversicherung haben aber nur wenige 
Autoren wie Hockerts oder Peters gelegentlich auf die Sonderentwicklungen im 
Südwesten nach 1945 beiläufig hingewiesen. 
So alt wie das deutsche Sozialversicherungssystem ist die Diskussion um seine 
Struktur. Teilweise hervorgegangen aus den Selbsthilfeorganisationen des 19. Jahr 
hunderts, deren Wurzeln über die Gesellenvereine bis zum Zunftwesen zurückrei 
chen, ist das System sozialer Sicherung in eine Vielzahl von Sparten gegliedert, die 
sich an Berufen, Risiken oder an sozialen Schichten orientieren. Für die Herausbil 
dung der Angestelltenschaft und ihrer sozialen Mentalität hat die Trennung der 
Angestellten- von der Arbeiterversicherung eine wesentliche Rolle gespielt. Die 
Forderung nach einer Vereinigung dieser Versicherungszweige oder zumindest nach 
einem Ausgleich der Wirkungen, die sie auf die unterschiedlichen sozialen Gruppen 
haben, gehörte zu den traditionellen Forderungen der Gewerkschaftsbewegung und 
der Arbeiterparteien seit der Entstehungszeit des Systems. Eine alle Versicherungs 
zweige umfassende Einheitsversicherung ist seit 1945/47 in der damaligen sowjeti 
schen Zone realisiert und hat sich in der DDR erhalten. 63 Der Kontrollrat hat bis 
Anfang 1948 an einem ähnlichen Konzept gearbeitet, das aber nicht mehr zur Wir 
kung kam und im wesentlichen an den deutschen Widerständen gescheitert ist. So 
sind im Gebiet der Westzonen Konzeptionen, die auf eine Einheitsversicherung 
zielten, nur nach dem Krieg in Bremerhaven und in der französischen Besatzungszo 
ne in die Praxis umgesetzt worden. 
Vier große Problemkreise haben die Debatte um Neuordnung oder Bewahrung des 
deutschen Sozialversicherungssystems nach dem Krieg bestimmt: Die soziale und 
wirtschaftliche Notlage des Jahres 1945 und die Notwendigkeit finanzieller Stabili 
sierungsmaßnahmen; die alliierten Vorstellungen von einer Demokratisierungspoli 
tik in Deutschland; die Auseinandersetzungen um das Verhältnis von Arbeitgeber 
schaft und Gewerkschaften; schließlich die langfristigen Tendenzen zur Annähe 
rung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Arbeitern und Angestellten. In lang 
61 Hockerts, Entscheidungen. In systematischer verfassungsrechtlicher Orientierung s. die 
1961 abgeschlossene Habilitationsschrift von Zacher, Sozialpolitik. Zum politischen und 
gesellschaftlichen Umfeld nach wie vor insbesondere Hartwich; vgl. auch im Überblick 
Kleinhenz u. Lampert. Zur Nachkriegsgeschichte der Sozialgerichtsbarkeit: Stoll- 
eis, Entstehung. 
Reidegeld. Bartholomäi u. a. (Hg.); auch diese Festschriftbeiträge wurden bei der voran 
gehenden skizzierenden Klassifizierung nicht eigens zitiert. 
63 Lehmann, Sozialversicherung; v. Ferber u. Zöllner; Heinz Vortmann, Sozialversiche- 
rungs- und Versorgungswesen, in: DDR-Handbuch, S. 1226-1232; Mitzscherling.
	        

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