Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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nach Entscheidung der Kassenvorstände und Selbstverwaltungsorgane von Kasse zu 
Kasse differierten und seinerzeit statistisch nicht systematisch erfaßt worden sind. 
Für die Beurteilung der Leistungsfähigkeit des Systems böten sie den besten An 
haltspunkt. Die frühe Wiedereinführung der Selbstverwaltung in der französischen 
Zone hat hier vermutlich eine noch größere Leistungsvielfalt entstehen lassen als in 
der amerikanischen Zone; in der britischen Zone waren Mehrleistungen seit Oktober 
1945 ohnehin verboten. Die entsprechenden Teilstatistiken des Bundesarbeitsmini 
steriums sind jedoch nicht regional differenziert, so daß sie einen Vergleich zwischen 
amerikanischer und französischer Zone nicht erlauben. Die Kann- und Mehrleistun 
gen zonenbezogen und damit unter Berücksichtigung des jeweiligen Versicherungs 
systems global vergleichend zu erfassen, dürfte heute nicht mehr möglich sein. 4 
Daß diese Leistungen ebenso wie viele andere, sozialgeschichtlich wesentliche Da 
ten seinerzeit nicht differenzierter aufbereitet wurden, hängt auch mit den spezifi 
schen Arbeitsbedingungen der Krankenkassen in diesen Jahren zusammen. Sie hat 
ten nicht nur mit den vielfachen materiellen Kriegsfolgen wie Zerstörung oder 
Beschädigung von Gebäuden und Verlust von Unterlagen zu kämpfen, welche die 
meisten Kassen in erstaunlich kurzer Zeit behelfsmäßig überwanden. Aus der Per 
spektive der Ortskrankenkassen rächte sich jetzt auch zum zweiten Male die Entlas 
sungswelle des Jahres 1933. Hatten zu Beginn des „III. Reiches“ gerade die Orts 
krankenkassen zu einer Art Arbeitsbeschaffungsaktion für „alte Kämpfer“ gedient, 
denen ein großer Teil der alten, oft gewerkschaftlich organisierten Kassenangestell 
ten weichen mußte, 5 * so wurde umgekehrt 1945/46 ein besonders großer Anteil von 
Mitarbeitern konsequenterweise von den Entnazifizierungsmaßnahmen erfaßt. Dies 
bedeutete, daß die Ortskrankenkassen weithin mit nicht geschultem Personal arbei 
ten mußten; erst 1947 besserte sich die Situation grundlegend, als der Verband der 
Ortskrankenkassen der französischen Zone Schulungskurse einrichtete.* Die Perso 
nalprobleme brachten nicht nur vielfache Schwierigkeiten in der alltäglichen Arbeit 
mit sich. Die meisten Mitarbeiter waren sich über die Bedeutung der in der französi 
schen Zone vollzogenen Reform auch nicht im klaren, da sie die jahrzehntelangen 
Kämpfe um die Organisationsform der Sozialversicherung meist nicht verfolgt hat 
ten. Nach dem Urteil von Kurt Urban, nach dem Krieg in der AOK Ludwigshafen 
tätig und 1982 Direktor des Verbandes der Ortskrankenkassen (Südwest), 7 war die 
mangelnde Sachkompetenz des Personals in den übergreifenden Problemen mit 
dafür verantwortlich, daß die Chancen, welche dieser Versuch der Einheitskranken 
kasse aus Sicht der Ortskrankenkassen bot, nicht besser genutzt wurden. So wurden 
auch die für die Einheitskassendiskussion wesentlichen Daten nur ungenügend 
aufbereitet; charakteristisch dafür ist etwa, daß der Verband der Ortskrankenkassen 
4 Dies ist auch das Urteil aller ehemaligen und heutigen AOK-Mitarbeiter, mit denen der Verf. 
diese Problematik besprechen konnte. Zu den Mehrleistungen siehe: Die soziale Krankenver 
sicherung im Jahre 1949, S. 12 f. mit Tabellen 5-7, S. A 11 f. u. A. 66. 
5 Vgl. dazu Tennstedt, Sozialgeschichte der Sozialversicherung, S. 405 f., sowie Hansen u. a., 
S. 299 ff. 
4 Die Schulungsbriefe sind in der Bibliothek des VdO Südwest in Lahr erhalten. 
7 Gespräch in Lahr am 14. 4. 1982.
	        

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