Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

15 
französischen Zone den Kern der Dokumentation. Die Akten sind über eine große 
Zahl von staatlichen, halbamtlichen oder privaten Fundstellen verstreut, die im 
Regelfall für jedes Sachproblem 15 bis 20 verschiedene Bestände betreffen, gelegent 
lich mehr. Es handelt sich aber nicht nur um das technische Problem der Bewälti 
gung von großen und vielfach erst provisorisch geordneten Archivbeständen. Die 
Franzosen gingen gerade im Zuge ihrer Dezentralisierungspolitik, soweit dies nicht 
zu übergeordneten Grundsätzen ihrer Politik in Widerspruch stand, auf politische 
Traditionen und Initiativen in den von ihnen verwalteten Regionen vielfach recht 
weitgehend ein. Das bedeutet, daß auch sehr unterschiedliche politische Entwick 
lungen im einzelnen verfolgt werden müssen, ehe sich allmählich ein Bild von der 
allgemeinen politischen Entwicklung in der Zone herauskristallisiert. Eine Konzen 
trierung der Untersuchung auf die Ebene eines einzelnen Landes läßt nur Teilaspek 
te der französischen Politik erkennen. In der vergleichenden landesgeschichtlichen 
Forschung liegt daher ein methodischer Kernpunkt der Arbeit über das südwestliche 
Nachkriegsdeutschland. 
Dabei hat sich erwiesen, daß es bei der vergleichenden Benutzung der deutschen und 
französischen Akten nicht nur darum geht, den bisher im Vordergrund stehenden 
deutschen, britischen und amerikanischen Standpunkten einen weiteren, diesmal 
französischen Gesichtspunkt hinzuzufügen. Tatsächlich läßt sich auch die deutsche 
Politik der Nachkriegsjahre aus den deutschen Akten nicht immer ausreichend 
rekonstruieren. Die enge Kontrolle, welche die Besatzungsmacht über die deutsche 
Politik ausübte, hatte den Nebeneffekt, daß diese sich in den französischen Akten oft 
genauer niederschlug als in manchen deutschen Beständen; einige Lücken gerade 
der Akten der Referentenebene auf deutscher Seite waren auf diese Weise zu füllen. 
Erstens sind die tatsächlichen Einflüsse der Besatzungsmacht aus den deutschen 
Akten nicht immer hinreichend zu ersehen. Dies gilt einerseits z. B., wenn mündliche 
Anweisungen in den deutschen Akten keinen Niederschlag fanden, in den französi 
schen Akten aber über Gesprächsnotizen zu verfolgen sind; einschränkende Anwei 
sungen der Besatzungsmacht können auch dann vorliegen, wenn sie aus dem deut 
schen Material nicht nachweisbar sind. Es gilt aber andererseits auch positiv für 
politische Initiativen. Deutsche Politiker hatten nicht nur in der Besatzungszeit 
selbst, sondern auch rückblickend nach ihrem Ende die ausgeprägte — verständliche 
— Tendenz, politische Leistungen der Nachkriegsjahre auf das eigene Konto zu 
buchen und nach Möglichkeit zusätzlich als in hartem Kampf gegen die Besatzungs 
macht errungen darzustellen. In vielen Fällen stimmt dies, in anderen jedoch nicht. 
Schon die deutschen Akten zeigen die Vielfältigkeit der französischen Einflüsse, die 
sich keineswegs auf Schikane und Ausbeutung beschränkten. Erst im Vergleich 
beider Überlieferungen läßt sich häufig feststellen, woher welche Konzeptionen 
stammten. Ebenso grundlegend sind die französischen Akten zweitens für die politi 
schen Frontstellungen, und zwar nicht nur auf französischer Seite. Die französischen 
Fachoffiziere verfügten vielfach über eine genaue Kenntnis der deutschen politi 
schen Szene, die sie zu kontrollieren hatten. Gesprächsnotizen der Besatzungsoffi 
ziere erhellen manche Situation, die etwa aus trockenen deutschen Beschlußproto 
kollen nicht hinreichend deutlich wird. Schließlich zeigt der französische Schriftver 
kehr naturgemäß auch deutlicher als die deutsche Überlieferung die vielfältigen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.